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Kolumne. Dann lieber Deutschrap!

Chris Kroiss schreibt über Kunst und Popkultur für Les Nouveaux Riches. In ihrem aktuellen Text beschäftigt sie sich mit Deutschrap, bringt Denker, wie Haftbefehl und Jacques Rancière zusammen und geht der Frage nach, wie frau* einen Punk-Zombie töten kann.
Künstlerin Chris Kroiß
Portrait Chris Kroiss. Foto: Larissa Kopp

Mai 2021.
Ich höre eigentlich den ganzen Tag Hafti. Beim Kochen, beim Lesen, wenn ich in der S-Bahn unterwegs bin. Für alle Chabos die sich nicht auskennen, mit Hafti meine ich natürlich den Frankfurter Rapper, Haftbefehl. Die ein oder andere frauenfeindliche Passage find ich aber schon grauslich. Was soll ich sagen, ich bin eine Pussy. Spannend ist ja, dass es soweit im deutschen Sprachgebrauch kaum Metaphern, Wortbilder und dergleichen gab, die weibliche Geschlechtsteile und alles was damit in Verbindung steht, als etwas anderes als schwach und unterlegen zeichnen. Das hat sich nun geändert: „Männer wollen Chef sein, doch wenn‘s drauf ankommt, sind ihre Hackfressen blutiger als Tampons“ Welcome LIZ auf der Deutschrap-Bühne! Ebenfalls aus Frankfurt, hat sie, in dieser Tradition stehend, Ende Februar dieses Jahres ihr Debüt „Bleibe Echt“ veröffentlicht. Und jeder einzelne der 11 Tracks ist ein treffsicherer Schlag in die Fresse. Ob sie wohl Feminist*in ist? You wanna know something … es spielt keine Rolle! Ich möchte das hier gerne klarstellen. Das ist eine dumme Frage. Es gibt Menschen, die behaupten es gäbe keine dummen Fragen, ich widerspreche vehement, denn das ist eine! Und erst wenn jedem einzelnen Mann, der sich in irgendeiner Art künstlerisch betätigt, ganz gleich ob als Musiker, Autor oder Maler diese saudumme Frage gestellt wird und er sich diesbezüglich klar positionieren muss, bevor über seine Arbeit gesprochen wird, werde ich darüber nachdenken, meine Aussage zu revidieren. Ohnehin finde ich, wenn Feminismus bloß eine Positionierungsfrage ist, ist er wertlos. Daher auch das Titelfoto für diesen Text. Das Graffiti hab ich auf einem meiner Streifzüge durch Hamburg entdeckt. Ich finde es witzig. Nicht lang reden, einfach machen!

Feminismus oder Schlägerei. Foto Chris Kroiss
Feminismus oder Schlägerei. Foto Chris Kroiss

So wie LIZ. Ich träume bereits davon, wie LIZ Single „Mein Geld“, vor ca. 3 Wochen erschienen, zur Hymne für das endgültige Schließen des Gender-Pay-Gaps wird. Nein, Frau Müller geht heute nicht ins Büro und fragt den Chef lieb ob sie bitte mehr bezahlt bekommt. Frau Müller zitiert LIZ: „Hurensohn, ja du weißt, ich will mein Geld! Pack‘ die Packs in die Tasche, Lagerfeld!“ Alles klar soweit? So wie es uns Babo bereits gesagt hat: „Eine gute Tat am Tag ist wichtiger als 1 Buch lesen“. Ja Haftbefehl und seine Azzlackz hustlen nicht nur bös‘ sondern wissen ganz einfach auch, worauf es ankommt! Jacques Rancière sprach bereits über das Problem der „Überfülle an Konsens“: „Konsens ist gerade die vorherbestimmte Übereinstimmung zwischen Subjekten, Orten, Aussageweisen und Effizienzformen“ (In welchen Zeiten leben wir?, 2020, S.72). Und das gilt es zu verlassen, damit sich Widerständigkeit entwickeln kann! Wenn Haftbefehl sich für die Tat ausspricht, dann plädiert er für ein Verlassen der geschützten Areale wissenschaftlich-intellektuellen Konsenses und Argumentierens auf Basis sprachlicher Übereinkünfte. Es ist doch absurd, dass wir uns einer Semiotik, die im Kern frauenverachtend, rassistisch und segregierend ist unterordnen, bloß weil sie durch institutionelle Strukturen, durch den „Konsens“ der Mehrheit geschützt wird! Und wenn ich dann vor allem von bürgerlichen Feminist*innen höre, denn aus dieser Ecke kommt die Kritik am häufigsten, Deutschrap sei problematisch, weil er ja so frauenverachtend ist, dann möchte ich gerne fragen, welche Musik sie für „richtig“ befinden? Akademiker*innen hören, wenn Populärmusik eher Indie. Aber der war und ist mindestens so frauenfeindlich wie Rap. Und zwar schon immer! Der einzige Unterschied ist die Sprache. Sie ist in der Alternative Music gewählter, also bürgerlicher. Der Sexismus ist aber der gleiche. Und warum? Weil wir in einer sexistischen Kultur leben. Wieso hat sich nie jemand drüber aufgeregt, dass Morrissey sich selbst bemitleidet, weil seine Freundin im Koma liegt?: „There were times when I could have murdered her. But you know, I would hate anything to happen to her“. Kann es einmal darum gehen, was die Frau denkt, fühlt oder will? Thom Yorke schmachtet, „I don’t wanna be your friend, I just wanna be your lover“ und ich habe die Antwort auf mein Problem. Ich liebe The Smiths und Radiohead, aber ich komme nicht umhin mich zu fragen: Wurde Indie bloß erfunden, damit Männer ein eigenes musikalisches Genre haben, in dem sie sich ausufernd selbstbemitleiden können?

Dann lieber Deutschrap! Der ist auch sprachlich interessanter als das allermeiste, was Alternative Musik die, so würde ich meinen, mittlerweile ein bedeutungsloses Schattendasein dahinfristet, zu bieten hat. Deutschrapper*innen widerlegen, dass die „Subalternen“ angeblich nicht sprechen können. Sie sprengen Klassengrenzen, weil sie mit dem was sie tun Elfenbeintürme zu Fall bringen. Sprache zu nutzen, vielfältig, innovativ und kreativ, das ist vorwiegend gebildeten Menschen vorbehalten, denkt man. Deutschrapper*innen erfinden am laufenden Band Neologismen. Und verdienen damit mehr Geld als jeder Linguistik-Professor. HAHA! Und Haftbefehl muss dafür noch nicht einmal ein Buch lesen. Klar, den Mut so etwas einfach zu machen, den hat nicht jede. Dazu musst du schon ein „Hustla“ sein. Am besten so eine*r wie von Layla besungen. Die Künstler*in bricht selbstverständlich und witzig mit allem was tradierte Gender-Normen so hergeben. Ihr body- und sexpositiver Rap ist „Creamy“. Wem steht „Coco Chanel“ am besten? Klar, der Hamburger Rapper*in Haiyti, und zwar nicht bloß auf Ibiza in der einen Villa da, wo unser ehemaliger Sportminister mit seinen Freunden ein paar Wodka-Bull zu viel getrunken hat, nein auch sonst natürlich! Darum würde ihr auch Money Boy Chanel-Taschen kaufen, wenn sie will! So oder so hat Haiyti „mehr Drip als Pollock“ und verbindet konsequent Straßenrap mit fine arts. Ich feier sie hart, ebenso wie Nura. Die Boss Bitch kennt man bereits vom Rap-Duo SXTN. Nuras Songs erzählen Geschichten, etwa von Teenager Mädchen die Scheiße bauen und sich selbstbewusst durchsetzen in unserer frauenfeindlichen Welt. Das Video zu „Ich wars nicht“ ist großartig gemacht, genauso wie das zu dem Track „Lola“, einer Sexarbeiter*in, die erklärt, wie sie ihren „Schnapp“ macht und dass sie sich nicht verarschen lässt! „Mein Absatz größer als dein Ego … “, heißt es in dem Song. Ihr Team, alles wunderschöne Menschen, LGBTQI+. Ihre Leute feiert Nura in praktisch jedem ihrer Videos. „On fleek“ ist ein großartiges Lied zum Abhängen mit Freund*innen vorm Ausgehen, schaut es euch an! Nura vereint spielend leicht Rap mit Intersektionalität, Body- und Sex Positivity. Sie eckt an, zum Beispiel auch mit dem Stück „Niemals Stress mit Bullen“. Es ist rückblickend betrachtet schon ein bisschen absurd, dass Deutschrap immer für seine Frauenfeindlichkeit angeprangert wurde. Feministische Kritik ist gut und wichtig, aber sie sollte sich nicht den Wind aus den Segeln und den Schwestern*, mit anderer als weißdeutscher/österreichischer Herkunftsgeschichte und/oder nicht aus derselben „Schicht“ stammend, den Lack von den Nägeln nehmen! Bloß weil eine bestimmte Kunstform nicht verstanden wird! Deutschrapper haben wahrscheinlich mehr zur Emanzipation junger Frauen* aus sogenanntem „bildungs- und kulturfernen“ Milieu, mich eingeschlossen, beigetragen, als alle Grünen-Politiker*innen die sie landauf, landab die vergangenen 10 Jahre in Talkshow Tribunalen als elende Frauenhasser verunglimpft haben, zusammen! Denn all diese Frauen* die im Deutschrap nun vorpreschen stehen auf den Schultern der Jungs die vor ihnen kamen. Ich würde nicht so weit gehen, zu sagen, Sido sei der Kendrick Lamar des Deutschrap, aber er ist ein Guter. Und manchmal, wenn ich Zweifel hatte, ob das was ich will, wirklich geht, weil mir so viele Leute gesagt haben, dass ich es nicht schaffen werde, weil ich ein Mädchen bin, weil ich bloß in der Hauptschule war usw., hab ich Sido gehört und das hat mich bestärkt einfach meinen shit durchzuziehen. Was soll ich sagen, in zwei Wochen mache ich mein Diplom an der Kunsthochschule und so viel kann ich verraten, es wird von mir keinen sublim gemalten Himmel oder zarte Aquarelle zu sehen geben. Für mich ging der Weg nach dem Hauptschulabschluss zum Glück weiter, aber für viele Kids ist da Ende Gelände. Und die Teenager sind wütend. Zurecht! Doch Kinder hört kurz mal auf Erdnussflips durchs Klassenzimmer zu werfen und eure Lehrer*innen in den Wahnsinn zu treiben. Stimmt euch ein auf meinen Jubelschrei:

Hurra, Punk ist endlich tot! Und jetzt Alle! „Das ist kein Deutsch, was ich mache ist Kanackis“. Schon das Intro vom 2012 erschienen Album „Kanackis“ des Räubermusik- Machers ist Gewalt-triefend und schwer zu ertragen, genauso wie das Plattencover. Dieses bringt die Brutalität von Schule auf den Punkt. Was darauf zu sehen ist? Ein Lehrer, als Teil eines segregierenden Systems. Eine Glatze. teenage angst. Die Kinder mit anderer als weißdeutscher Herkunftsgeschichte sitzen in der letzten Reihe, ganz hinten in der Klasse. Die Ästhetik erinnert an Punk Bands wie etwa „The Exploited“. Das ist übrigens nicht die einzige, zu erkennende Punkanleihe im Deutschrap. Die Gewehrsalven auf LIZ Intro oder das Spucken im Song „Dynamit“ erinnert an das Marschieren der Soldaten in dem Stück „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“, der Hamburger Punkband Slime aus dem Jahre 1994. Und spätestens seit Sido sich die Stimme von Rio Reiser lieh um den Ton Steine Scherben Klassiker „Wir müssen hier raus“ zu reinterpretieren, dürfte klar sein, Deutschrap ist in der Ontologie antibürgerlicher Musik zu verstehen. Wie LIZ sich inszeniert, die Schwarzweiß- Fotos in der trostlosen Vorstadt, lässt mich unweigerlich an den jungen Ian Curtis im Manchester der 80er Jahre denken. An Joy Division, diese abgemagerten Jungs aus der Arbeiterschicht in ihren schwarzen Mänteln. Und vielleicht schließt sich hier der Kreis. Vielleicht wird der depressive Junge, der im Mark Fisher`schen Sinne sein Ende fand mit Joy Division nun ersetzt durch die schlagende Frau. Durch eine Wut von Frauen, die nichts mehr zu tun hat, mit der pathologisierten, oft lächerlich überzogenen Form kultureller Repräsentation, die wir zu gut aus Filmen, Musik und Büchern kennen. Und vielleicht wird dem grauenhaften Punk-Zombie, elend, alt, fett und bürgerlich geworden, der seit Jahren bloß noch als erbärmliche Attitüde durch Pop und bildende Kunst schlurft, nun endgültig der Todesstoß versetzt. Will mit all meinen Bitches* tanzen auf dem Grab von diesem Lappen. Am besten irgendwo, wo das Wetter warm ist … auf einer spanischen Insel … in einer Villa … mit ein bisschen Wodka. Und bis dahin – einfach weiter S-Bahn fahren, Deutschrap hören.


Chris Kroiss lebt und arbeitet in Wien. Sie ist Malerin und schreibt. www.chriskroiss.com