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Kolumne. Schwalbeneier II

Chris Kroiss schreibt monatlich über Kunst und Popkultur für Les Nouveaux Riches. In ihrem aktuellen Text geht es um Internetstress, den Ku Klux Klan und Soft Girls.
Künstlerin Chris Kroiß
Portrait Chris Kroiss. Foto: Larissa Kopp

Februar 2021. Vor einigen Wochen habe ich meinen Kumpel Paul, er liebt Formel 1, getroffen und der meinte, was ihm echt Angst mache ist der Mob. Seit Jahren ist immer irgendwo ein Mob unterwegs. Ein Mob denkt nicht. Ein Mob fühlt nicht. Er ist in Bewegung. Die Rechten sind die besseren Postmodernen‘, schrieb Mark Fisher in seinem Essay „Wie man einen Zombie tötet: Strategien für das Ende des Neoliberalismus“ Rechte finden im Internet wie es heute ist ein ideales Klima um ihre Form der Gewalt zu verbreiten. Die Gesprächsumgebung, die facebook für uns schafft ist extrem limitiert und hierarchisiert. In einem Post gibt jemand ein Thema vor. Die anderen können bloß reagieren. Und da haben sie wiederum bloß zwei Möglichkeiten. 1. Kommentar 2. Gefühl. Aber hey, du kannst immerhin zwischen unglaublichen 6 verschiedenen menschlichen Emotionen wählen.

Natürlich ist die Form in die Ideologie gegossen wird noch nicht per se befürwortbar oder verwerflich. Ich denke nicht, dass ein Unternehmen wie Twitter beabsichtigt hat als Logistiker für Trumps hate zu fungieren, ihn in jedes noch so entlegene Eck der USA zu transportieren. Allerdings lohnt die Frage wie wir selbst mit diesen Technologien und Umgebungen umgehen.

Reicht es denn, sich linke Ideale oder progressive Ideen an die wall zu schreiben, die Netzwerke bloß mit vermeintlich ‚gutem‘ Content zu füllen? Nein. Es reicht nicht. Und zwar schon lange nicht mehr!

Gleich wie die Anhänger*innen des Operaismus, die Arbeiter*innen im industriellen Norditalien der 60er dazu aufriefen, einfach mal einen Schraubenschlüssel in die Maschinerie einer Fabrik zu werfen, sie damit kurz zum Stillstand zu bringen, so können wir unsere Ideen, so können Künstler*innen ihre Arbeiten und Gedanken ins System werfen um es ein wenig zu sabotieren…

Wie könnte eine künstlerische Haltung da aussehen?
Einer der vielen Gründe warum ich ein Philip Guston fangirl bin, sind seine herausragenden Gemälde der Klansmen. Der Ku Klux Klan hatte in den frühen 20ern des vergangenen Jahrhunderts ein System etabliert, dass zusammengefasst eine Art rassistischer Streamingdienst zu sein gewesen scheint. Man konnte in jeder amerikanischen Kleinstadt eine Ku Klux Klan Ortsgruppe gründen und Lizenzen kaufen von den Klans-Anführern. Man lieh sich also die Idee samt Kostümen, Comics und Magazinen, sprich das gesamte, rassistische Entertainment-Packet zu einem Fixpreis aus. Diese Form der Distribution half dem Ku Klux Klan seine rassistischen Ideen in enormer Geschwindigkeit über die USA zu verbreiten. Allerdings ist auch hier wieder die Frage, wie wird so ein Schnellverteilungssystem für Ideen benutzt? Beyonces Homecoming auf Netflix war für mich, wie für viele junge Frauen* nehme ich an, ähnlich einem Saturday Vollmondbad mit allen Bitches* deines Zirkels. Enorm kraftspendend!

Aber zurück zu Philip Gustons Gemälden. Einige Jahre nachdem der weiße, rassistische Kapuzenmann überall in den USA durch Comics, Illustrationen, Songs usw. kulturell verbreitet worden ist, hat Guston es auf unglaubliche Weise geschafft, diese faschistischen Symbole ihrer Umgebung zu entreißen und sie in seinen Ölgemälden anders zu kontextualisieren. Er hat den Rechten die Macht über ihr Bild genommen! So etwas wird nicht vielen gelingen, mit Ausnahme der Burschenschaft Hysteria. Aber ganz gleich ob du Künstler*in, Bäcker*in, Anwält*in, Fahrradbot*in oder Politiker*in bist. Du kannst dich immer anders verhalten.

Wer soll heute noch große Statements und leere Worte brauchen?
Was vor allem nötig ist: viel soziale Muskelkraft für „the hill we climb“, wie es Amanda Gorman in ihrem bemerkenswerten Gedicht für Joe Bidens inauguration formulierte. Ja und was, wenn das Andere, das Radikale, das Aufmüpfige, das Unbekannte, vielleicht sogar das Utopische in den feinsten und progressivsten Formen als etwas daherkommt das wir nicht erwarten? Vielleicht ist es sehr jung und weiblich. Vielleicht ist es pink und unglaublich soft. Ein Stil im neu entstehenden Universum von Teenager-Identitäten ist der der sogenannten Soft Girls. Ein substyle der e-girls und boys die auf TikTok lustvoll alles ausprobieren, was die Identitätskiste so hergibt und genau damit sukzessive brechen! Sie malen sich Schmetterlinge an die Wangen, ziehen pinke Klamotten an und im Hintergrund läuft Ariana Grande oder Doja Cat. Ariana ist das Beispiel für ein Soft Girl. Ihre Lyrics sind allerdings alles andere als zart, etwa aus dem track ‚7 rings‘: ‚been through some bad shit, I should be a sad bitch, who would have thought it tourned me to a savage?‘ Ja, die 27-jährige ist ein sanfter savage. Was natürlich paradox klingt, immerhin lässt sich „to savage something“ übersetzten mit etwas attackieren, etwas anfallen. Dass bei den Soft Girls das eine das andere aber nicht ausschließt wird der spätestens klar, die das Foto der 25-jährigen Rapperin Doja Cat sieht, auf dem sie zuckersüß in einer Art Rasenbikini mit pinken Haaren, Spangen und schleifenverzierten, pinken Handschuhen in einem verzauberten Garten steht. Über ihrem Kopf hält sie, wie ein tödliches Emblem, eine Heckenschere. Was sie wohl damit vor hat …? Ich feier sie hart für Tracks wie ‚Boss Bitch‘. Du denkst in einer patriarchal geprägten Kultur gibt es keine Solidarität unter Frauen? Educate yourselfe: ‚Best friend‘ von Saweetie und Doja Cat. Nicht bloß friends machten sich die Ärzte in den 90ern mit ihrem wohl politischsten Song ‚Schrei nach Liebe‘: „Was soll all der Terz? Unterm Lorbeerkranz mit Eicheln weiß ich schlägt ein Herz.“

Zarte savages als Mittel gegen rechten Terz der teerschwer in unseren Netzen hängt?
Ja, das Internet ist ein gestresster, kranker Organismus durch dessen Venen ständig shit stürmt. Meistens weht die Scheißebrise von rechts, aber Hand aufs Herz, gegen Leute die antifeministischen Gurkensmoothie trinken oder eine nasal sprechende junge Kabarettist*in hat sich schon die ein oder andere zu einem Stürmchen hinreißen lassen, nicht? Egal ob der Haufen groß oder klein ist. Scheiße ist immer braun. Sorry. Und bin ich die Einzige, die es ekelhaft findet, dass wir uns tagtäglich in einem sozialen Raum bewegen durch den Scheiße-Stürme wehen? Warum nicht anstelle dieser soft storms durch unsere Netzwerke ziehen lassen? Damit zeichnen wir eine Form, die alles umschließt ohne den Stift einmal vom Papier nehmen zu müssen. Wir weigern uns, rechte Strategien und Verrohung als fest integrierten Bestandteil unseres alltäglichen, digitalen miteinander-Sprechens hinzunehmen und vielleicht fühlen wir uns auch selber besser, wenn wir nicht ständig so aufgeregt und angefressen sind. Trau dich, sei ein sanfter savage! Und falls das mit dem zart sein gegen Rechts doch nicht aufgeht… Doja hat die Heckenschere.

Chris Kroiss lebt und arbeitet in Wien. Sie ist Malerin und schreibt. www.chriskroiss.com