Wien Kultur
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Kolumne. Schwalbeneier III

Chris Kroiss schreibt monatlich über Kunst und Popkultur für Les Nouveaux Riches. In ihrem aktuellen Text geht es um eine Zugreise, „Emily in Paris“ und die Renaissance Maler*in Sofonisba Anguissola.
Künstlerin Chris Kroiß
Portrait Chris Kroiss. Foto: Larissa Kopp

März 2021. Wo ich hingefahren bin? In den Norden. Die Deutschen haben eine Schwäche für Hundertwasser Bahnhöfe. Das ist aber auch schon die einzige qualifizierte Beobachtung kulturellen Gebarens, die ich soweit machen konnte. Ich lasse mich nicht zu assumptions hinreißen! Immerhin befinde ich mich, jetzt wo ich das hier tippe (noch) in der Post-Einreise-Quarantäne. Mehr als aus dem Fenster zu schauen und zu sehen – AHA! Deutsche gehen am Gehsteig (heißt das hier Bürgersteig?) kann ich nicht.

Der Himmel hier ist auch nicht kälter als anderswo. Mein Herz ist heiß. Wien, Bitch du weißt, ich liebe dich, ich werde dich vermissen! Dennoch bist du nicht die Einzige über die ich nachgedacht habe, auf der Zugreise hierher, die mich, so fern ich mich recht erinnere, durch Orte führte wie Bretzenheim oder Flunder. Als typisches Millennial-Mädchen, hab ich meist natürlich nicht aus dem Fenster sondern auf mein Smart Phone geschaut und beim gelangweilten Klicken und Herunterscrollen bin ich über etwas gestolpert, das meine Aufmerksamkeit kurz bündeln konnte. Offensichtlich scheint es ein Ding zu sein, die Netflix Serie „Emily in Paris“ zu hassen.

Wie können Leute zu einer romantischen Comedyserie so starke Gefühle haben? Immerhin scheint für Unzählige die Produktion von youtube-Videos, Artikel und Blogbeiträge nötig gewesen zu sein um den Unmut, den die Serie ausgelöst hat, kundzutun. Ich habe im Zusammenhang mit der Serie das erste Mal den Begriff „Hate-Watching“ gelesen. Wow! Welcome back to the 50ies, wo wir es hassen erfolgreichen Frauen zuzusehen!

Für alle, die „Emily in Paris“ nicht kennen, kurz zum Plot der für mehrere Golden Globes nominierten Serie: Emily, ist ein ‚american girl‘, das aus beruflichen Gründen nach Paris fährt. Sie spricht kaum Französisch und auch in anderen Bereichen des Lebens ist sie keine Spezialistin. Sie trägt ultrasüße Outfits, die nicht unbedingt dazu beitragen, von ihrem Arbeitsumfeld als professionell eingestuft zu werden. Dennoch behält sie ihre gute Laune, sie hat Spaß und setzt sich spielend leicht überall durch. Sie kriegt alles was sie will! Schwer vorzustellen? Erinnere dich an deine Schulzeit. Emily ist wie das Mädchen aus deiner Klasse, das alle Jungs abkriegt und Einser in Mathe und Physik schreibt. Du weißt nicht wie sie es macht, aber sie machte es! Ist sie eine Hure? Ja, weil sie alle Jungs abkriegt. Ist sie eine Heilige? Auch, weil sie der Klassenstreber ist. Hey, Moment mal … die hält sich nicht an die Regeln! Wenn sich Frauen dem patriarchal dichotomen Blick von Hure/Heilige widersetzen, dann irritiert das. Nicht bloß Männer, sondern auch andere Frauen. Wir haben gelernt die Beine still zu halten und uns einzuordnen.

Menschen, die sich Kategorisierungen entziehen lösen in uns Unbehagen aus. Nachdem wir „in the new Biedermeier“ leben sind wirs gewohnt uns ständig gegenseitig sozialen Kontrollen zu unterziehen, uns gegenseitig zu labeln. Wenn wir jemanden sehen, bei dem das nicht klappt sind wir vielleicht fasziniert (ein Grund warum die Serie so erfolgreich ist?) aber auch irritiert und verärgert! Und nachdem sich die Menschen ihres Snobismus, verknüpft Misogynie in den meisten Fällen nicht bewusst sind, schieben sie für ihre Abneigung gegenüber der Serie so Bullshit Argumente vor wie „Emily verbringt Zeit in Paris und isst Croissants. Das ist so rassistisch!“ Ernsthaft? Ich warte auf den Shitstorm gegen das Marketing des Fremdenverkehrswesen Frankreichs… Und nein, besonders an diesen Diskussionen rund um „Emily in Paris“ finde ich nicht den mansplainenden Morast, in dem jede Story um eine junge, kluge, gutaussehende Frau* zu versinken droht. Gespräche die in Pimmelsuppe dahindümpeln haben mich ohnehin immer schon gelangweilt. Besides, nur die radikalsten Frauen* schwimmen im Schwebeähnlichen Zustand wie Fettaugen auf diesen Suppen. Und das Beste an einer Suppe, das weiß doch jede*r, sind immer die Fettaugen.

Tatsächlich interessant an der Debatte um die Netflix-Serie ist allerdings die Problematik des vermeintlichen bürgerlichen Feminismus. Die dadurch zutage tritt. Der Fokus ist falsch! Bürgerlicher Feminismus interessiert sich nicht für die Rechte von Sexarbeiter*innen, oder dafür, dass Women* of Colour tagtäglich diskriminiert werden oder die Schwierigkeiten von Frauen* die keinen abled body haben. Bürgerlicher Feminismus bürstet sich einmal wöchentlich mit ayurvedischem Cellulite Öl den Arsch, und tut so als ob das body positivity wäre. Bürgerlicher Feminismus ärgert sich über Serien wie „Emily in Paris“. Und tut so als ob das relevant wäre! Die Serie sei ein Paradebeispiel für „fehlenden Feminismus“ habe ich vielerorts gelesen. Tatsächlich? Sich leidenschaftlich und hasserfüllt in Rage zu schreiben gegen die junge Protagonist*in einer RomCom Serie, die Art wie sie spricht und sich kleidet IST ein Paradebeispiel für fehlenden Feminismus!

Es gab immer schon Geschichten von Frauen* die jenseits von Kategorien lebten und sehr erfolgreich waren. In welchen Zeiten leben wir eigentlich, dass das alle so aufregt? Das ist doch keine Neuheit! Ein absoluter Superstar ist, nicht bloß für mich, die italienische Renaissance Maler*in Sofonisba Anguissola. Geboren 1531, Zeit ihres Lebens gefeierte Künstler*in. Sie arbeitete am spanischen Königshof, korrespondierte mit Leuten wie Michelangelo. Ich liebe die Darstellung von Mädchen in ihren Gemälden. Die verschmitzten, wachen Blicke etwa in dem Bild „Drei Schwestern beim Schachspiel“. Sie heiratete auf Geheiß des spanischen Königs einen Sizilianer, nach dessen Tod lernte sie auf einer Reise einen Genuesen kennen, mit dem sie dann unerlaubt abhaute. Sie begann Malunterricht zu geben. Der junge Rubens musste ihre Bilder kopieren, van Dyck besuchte sie.

Aber ganz gleich, ob es um die fiktive popkulturelle Darstellung weiblichen Erfolgs geht, oder um die reale Lebensgeschichte einer Renaissance-Karrierefrau. Erfolgreiche Frauen polarisieren.

Sofonisba wurde aus der Kunstgeschichte rausgeschrieben, Emily hat immerhin bloß einen Shitstorm kassiert. Zugrunde liegt das gleiche Problem. In einer patriarchalen Gesellschaft darf es keine Frau geben, die alles kriegt was sie will.

Folglich dürfen Geschichten über solche Frauen* nicht erzählt werden. Wir haben diese Grundsätze so verinnerlicht, dass in einer derartigen Kultur auch kaum Solidarität unter Frauen* möglich ist. Verbundenheit wird weder in die eine Richtung gefühlt, dass einer erfolgreichen, gutaussehenden, witzigen Frau* eben ihr Erfolg gegönnt wird, noch in die andere, dass sich Frauen* stark machen für andre Frauen* die nicht auf der Butterseite gelandet sind.

Ich persönlich habe mich über jeden beruflichen Erfolg von Emily gefreut. Ich habe gelacht über ihre Dreistigkeit und ihr jeden Mann den sie abgeschleppt hat, gegönnt. Die Serie macht Spaß. So wie ‚Sex and the City‘ schon Spaß gemacht hat. Mehr gibts dazu eigentlich nicht zu sagen.

Chris Kroiss lebt und arbeitet in Wien. Sie ist Malerin und schreibt. www.chriskroiss.com