Wien Kunst
DEU

Kolumne. Schwalbeneier VI

Chris Kroiss schreibt über Kunst und Popkultur für Les Nouveaux Riches. In ihrem aktuellen Text geht es um die Ontologie des Einhorns und die Sehnsucht nach einem Leben in Farbe.
Porträt Chris Kroiss, Foto: Daniel Hill, 2021
Porträt Chris Kroiss, Foto: Daniel Hill, 2021

Ich weiß. Es ist bereits einige Zeit her, dass es ein Schwalbenei gab. Das liegt vor allem daran, dass ich das Fliegen für mich entdeckt habe. Ich empfinde es als angenehmer, als das Brüten. Daher gibt es nur noch ab und an ein Schwalbenei für LNR. Andere Texte von mir können auf meinem Blog gelesen werden. Verzeiht mir also, aber vielleicht kennt ihr ja die Geschichte. Schwalben verlassen eben ihre Nester. Gut ein Jahr ist es nun her, dass ich mein Kunstdiplom gemacht habe. Wie das Leben als Freischaffende so ist? Schon mal gehört von dem Märchen rund um den Kessel voll Gold am Ende des Regenbogens? So ist es nicht.

Das vergangene Jahr war mein Körper damit beschäftigt die Realitätsspende, deren Transplantation unweigerlich nach der Diplomprüfung vollzogen wird, anzunehmen. Es ist so wie Hélène Cixous es in einem Essay („Der Pinsel des Malers ist“) aus dem Sammelband, „Schriften zur Kunst“ beschreibt: eine l’operation, ein Eingriff, wird durchgefüht um Schaden abzuwenden. Man stelle sich ein ewig andauerndes Kunststudium vor. So schön es ist, das wäre ungesund! Der saubere Schnitt ist notwendig. „Tschüss Alma Mater, Hallo Welt!“, hieß es für mich also vor einem Jahr. Um bei der Metapher Cixous zu bleiben würde das bedeuten, dass das eigentliche Schaffen, der Aufbau des Werks (l’opus, eng verwandt mit der schmerzhaften l’operation) erst nach dem Diplom beginnt. An dieser Stelle also Gratulation an alle die nun Diplom gemacht haben! And welcome to the Club. Hier kommt ein Spoilerarlarm: Wenn du nicht wissen möchtest, wie es nun für dich nach dem Kunstdiplom weiter geht, dann hör lieber jetzt auf zu lesen. Falls du allerdings psychisch robust bist, viel Spaß beim Weiterlesen und dem Fall in den Hasenbau. Also hier die Wahrheit: The „Upside Down“ gibt es nicht bloß in Hawkins sondern auch in Wien. Es ist wie eine Parallelwelt, die gar nichts mehr zu tun hat mit dem Abentheuer-Spielplatz Kunsthochschule, wo die Klettergerüste bis in den Himmel reichen und jede*r Studierende garantiert eines ist: Ganz besonders.

Wenn du dein Diplom hast, bist du ganz besonders arbeitslos. Vielleicht hast du Glück und kriegst ein Startstipendium. Das sind für 6 Monate 8400 €. Ich könnte mich fragen, warum andere Leute mit Studienabschlüssen niemals Vollzeit für umgerechnet 1400 € netto pro Monat arbeiten würden, während Künstler*innen sich um eine derat „große Chance“ fast gegenseitig zerfleischen, aber ich habe keine Zeit über das System nachzudenken. Ich bin nämlich damit beschäftigt, dem Kessel voll Gold am Ende des Regenbogens nach zujagen! Irgendwas muss ja getan werden mit der ganzen Vorstellungskraft, die während des Kunststudiums genährt wird. Denn am Anfang bist du so etwas wie ein kleiner Künstler*innen-Samen, dann eine Blume, irgendwann ein Baum. Und während die fantastische Sophie aus der Netflix-Serie „Liebe und Anarchie“ zu einem ganzen Wald wird, stark verwurzelt und unumstößlich, transformiert sich der Kunststudierenden-Samen nach dem Diplom in etwas sehr Eigentümliches. Nämlich in ein Einhorn!

Einhörner kennen sich nicht mit Steuern aus. Oder mit Krankenversicherungen. Sie haben keine Ahnung von Geld! Sie grasen auf den kargen Weiden der Erwerbslosigkeit. Und hoffen, dass eines schönen Tages eine Galerie vorbeikommt und ihnen ein Halfter umlegt. Um sie dann Richtung Ende des Regenbogens, richtig erkannt – zum großen mit Gold befüllten Kessel zu reiten! Und obgleich ein Einhorn ein erhabenes Tier ist, wirst du als junge Künstler*in in vielen Situationen behandelt wie eine

Kuriosität. Vor allem, wenn du dich für Förderungen, Stipendien etc. bewirbst. Vor Ämtern muss die künstlerische Arbeit ständig gerechtfertigt werden. Konzepte, Pläne und Artist Statements noch und nöcher. Ein simples „Ich bin Malerin. Ich male Bilder“ reicht meist nicht. Und so beginnen viele ihre Hufe in Tasten zu hacken. 20 Seiten. 50 Seiten. Dort ein Konzept. Da ein Portfolio. 60 Stunden. 70 Stunden Arbeit pro Woche und immer ein sauberes Hemd in der Tasche, ein Lachen im Gesicht, falls sich im Lauf des Tages ein wichtiger Termin ergibt. Irgendwann ist von dem stolzen Einhorn bloß noch ein dysfunktionales Zirkuspferd übrig, das bereits vor dem Frühstück einen Doppelliter Wein kippt. Ich nenne das die Ontologie des Einhorns. Sie beginnt mit einem Samen, der eine Mappe unterm Arm trägt und endet mit einem bescheuerten, alten Pferd.

Außenansicht Atelier Chris Kroiss, breathing is easy, 1,90 x 1,50, Acryl auf Leinwand, 2022
Außenansicht Atelier Chris Kroiss, breathing is easy, 1,90 x 1,50, Acryl auf Leinwand, 2022

Dann doch lieber ein Leben in Farbe! Ich habe beschloßen, dass ich kein Einhorn bin. Ich bin einfach 1 Frau, die Kunst macht. Ich weiß, Realismus und Pragmatismus sind nicht unbedingt Eigenschaften, die man einer Künstlerin zuschreibt, aber nachdem es mich noch nie sonderlich gejuckt hat, was die Leute so denken oder erwarten, sollte es nicht verwundern, dass ich die Aufmerksamkeit auch nun auf eine, meiner Ansicht nach weitaus interessantere Angelegenheit lenken möchte. Nein, ich möchte nicht darüber schreiben, was eigentlich Kunst ist. Das überlegst du dir schön selber! Ich möchte eine andre Frage aufwerfen.

Was ist Erfolg?
Und warum sind alle so versessen darauf? Ich schaue auf Instagram und sehe Mensch gewordene Krämpfe. Bloß nichts Unerwartetes machen! Alles muss einem Skript folgen. Zum Lachen geht man in den Keller! Der Alltag muss durchkuratiert werden bis ins kleinste Detail. Wir leben in der Gesellschaft der Singularitäten. Diese generiert, wie sie der Soziologe Andreas Reckwitz beschreibt, eine Kultur der Exklusivität. Alles muss außergewöhnlich sein! Jeder einzelne Moment muss fest gehalten, instenziert, dokumentiert werden. Der tolle Rucola-Salat beim Lunch! Und dieser fabelhafte handgeflochtene Korbsessel! Und dieses T-Shirt – ein Einzelstück! Jeder emotionale Pfurz ist plötzlich ganz großes Kino. Ich komme nicht umhin, mich zu fragen, niveliert diese exzessive zur Schaustellung von Alltäglichem, die Besonderheit von Kunst? Verkommt ein Werk in all den Bildern auf Social Media nicht bloß zu einem schönen Deko-Objekt für bourgy Leute? Ich frage mit Absicht so naiv. Natürlich ist mir die enge Beziehung zwischen Geld und Kunst bewusst. Aber muss das Oberflächlichkeit bedeuten?

Das Leben in Farbe überall genießen: Katrinka Kitschovsky gut gelaunt auf 1 Verkehrsinsel (Pride 2022)
Das Leben in Farbe überall genießen: Katrinka Kitschovsky gut gelaunt auf 1 Verkehrsinsel (Pride 2022)

Fragen über Fragen auf die es garantiert keine einfachen Antworten gibt! Womöglich ist es gut mal einen Schritt zurück zu treten um das Gesamtbild betrachten zu können. Durchatmen und sortieren. Ich denke, Erfolg ist Definitionssache. Wenn du einmal im Jahr einen Rave organisierst, da Siebdrucke verkaufst und du einen schönen Abend hast, ist das ein Erfolg. Wenn du einen Kinderkunstkurs machst und 5-Jährige für Malerei begeisterst ist das ein Erfolg. Es ist egal, ob du zur Art Basel Miami fliegst, weil du mit deiner Galerie dort vertreten bist oder dich wöchentlich mit deiner Tamponrückholbändchen-Häkelgruppe triffst, solange du etwas machst, das dich glücklich macht! Und obwohl ich es genieße an diesem Text zu schreiben und mir selber allerhand Fragen zu stellen, zieht es mich nach draußen. Ich will ein bisschen herumkommen, Umwege machen, Leute kennen lernen. Vielleicht mal was Dummes tun, dem Zufall Raum geben, das Unerwartete Willkommen heißen. Kunst machen bedeutet Spielen! Für mich zumindest. Allen Zyniker*innen rate ich dazu, mal ganz tief Luft zu holen, bevor sie zu ihren banalen Schimpftiraden ansetzen. Ist es nicht ein radikal antikapitalistischer Akt, sich einfach zu entspannen? In einer Welt, die ständig gestresst ist, die Ruhe zu bewahren? Ich hole mir jetzt einen Eiskaffee und setzt mich in die Sonne. Euch, liebe Leser*innen, wünsche ich einen schönen Sommer!

Alles Liebe,
Chris


Chris Kroiss lebt und arbeitet in Wien. Sie ist Malerin und schreibt. www.chriskroiss.com