Wien Kultur
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Kolumne. Schwalbeneier

Chris Kroiss schreibt monatlich über Kunst und Popkultur für Les Nouveaux Riches. In ihrem ersten Text denkt sie über Selbstinszenierung und Dilettantismus nach.
Künstlerin Chris Kroiß
Portrait Chris Kroiss. Foto: Larissa Kopp

Nein, du bist kein Gott der abstrakten Malerei, bloß weil du 1 Pinsel richtig herum halten kannst und weißt wer David Ostrowski ist. Wow, du kannst dich verkleiden und weißt wie man 1 Filter benutzt? Sorry, das reicht nicht um als junge Cindy Sherman gesehen zu werden, genauso wenig ernst zu nehmen sind deine pseudo-gesellschaftskritischen Fotos, wo du dich mit Genderrollen auseinander zu setzen versuchst. Nur weil du weißt wie queer buchstabiert wird, macht dich das noch lange nicht zu einer Catherine Opie. Ganz ehrlich, die grassierende Halbherzigkeit auf Social Media-Kanälen, wenn es um selbst ernannte Künstler*Innen geht, macht mich fertig!

Ich werde das mit der Malerei jetzt hinschmeißen, dann mache ich 1 Lehre als Metzgerin und beginne die Berufsbezeichnung „Chirurgin“ zu führen. Wer möchte sich von mir das Gehirn amputieren lassen? Davon abgesehen, dass sich ob dieser Berufswahl bei mir wohl auf grobe Desorientiertheit schließen ließe, wärs mir auch viel zu anstrengend. Und ich habe ja nicht etwa mit dem Malen begonnen, weil mir nichts Dümmeres eingefallen ist und ich nichts anderes kann (Zitat Daniel Richter) Nein, ich male, weil ich es ganz einfach liebe. Das klingt jetzt nicht so cool, ist aber so.

Klar, es wäre naiv zu denken, es ginge ohne Selbstinszenierung. Sie war und ist Teil künstlerischer Verortung. Wenn aber die Inszenierung zum bloßen Selbstzweck wird, wer braucht dann noch die Kunst?

Und dass sich die von mir vorgeschlagene Gehirnamputation durch regelmäßiges und ausgiebiges Konsumieren von social media-Kanälen diverser Künstler*Innen erübrigt, weil sich genanntes Organ dann wie Kalk über den du einen Krug Wasser gießt von alleine auflöst, das könnte mich amüsieren, tut es aber nicht. Ich frage mich, warum macht es mich anstatt dessen betroffen? Ich denke, es ist der Mangel an genuinem Ausdruck und Haltung, der, so scheint es mir, schon fast zum neoliberalen Rezept avanciert für möglichst viele Klicks und unzählige Likes.

Wann haben wir begonnen uns damit zu arrangieren, dass Dilettantismus diktiert? Die Frage ist, was übrig bleibt, wenn jedes Körperteil abgelichtet, jede Duckface-Pose durchexerziert alle Filter durchprobiert wurden? Vor einem Rothko kann ich ewig sitzen. Einfach so. Das ist simpel. Über den hintersinnigen Humor eines Sigmar Polke kann ich mich immer wieder freuen. Die Wucht einer Miriam Cahn haut mich weg genauso wie die Feinfühligkeit einer Alice Neel. Ich denke, es ist also ganz einfach. Natürlich wird nicht jede*r junge Künstler*In gleich eine Alice Neel oder ein Mark Rothko, aber für wen sein Werk wichtig ist, und nicht etwa die Anzahl der Likes, die ein Foto generiert, der kennt sein Medium! Eine Künstler*In die ihre Arbeit liebt kennt ihr Genre und beschäftigt sich täglich damit. Sie steht im Atelier, im Studio, hinter der Kamera, sitzt vorm Laptop oder wo auch immer sich Künstler*Innen zum Arbeiten bewegen. Und Menschen bei denen das so ist, haben keine Zeit, jede halbe Stunde ein verträumtes Selfie, den wundervollen Abendhimmel über der Stadt oder die 2 Pinselstriche die sie im Vorbeigehen aufs Papier gerotzt haben in ihrer Story zu posten.

Ich weiß. Beuys sagte: „Jeder Mensch ist ein Künstler“ Kippenberger meinte später: „Jeder Künstler ist ein Mensch“. Stimmt. Ich bin auch bloß ein Mensch. Liebe*r Social Media-Künstler*In xy es ist schön, dass du ein Hobby hast. Behalts für dich.


Chris Kroiss lebt und arbeitet in Wien. Sie ist Malerin und schreibt. www.chriskroiss.com