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Kommentar. Toter Fisch

Die Seuche. Die Schauspieler. Der Kanzler. Ein Essay von Chris Kroiss.

Es war 2019. Im frühen Herbst. Ich hatte Angst, denn ich war sehr krank. Du verstehst so vieles nicht, was deinen Körper angeht. Du weißt oft nicht, wenn dir besonders schwer ums Herz ist, weil du das nervöse Zittern deiner Kehle doch nach unten schluckst und nicht nach oben Stimme werden lässt. Und dann ist da auf einmal diese Grenze, die vorher nicht gespürt war, innerhalb deines Körpers verlaufend, einer ‚Soll-‘ und einer ‚Haben-Seite‘ gleichend, steht da auf einer der Beiden, alles was du denkst zu wissen. Dass du gesund bist, dass alles in Ordnung ist, dass alles schon so ist, wie du denkst, dass es zu sein scheint. Und dann ist da eine andere Seite, ein Ohr an dieser Seite das den Arzt sprechen hört von einer anderen Realität, die du bis jetzt nicht kanntest, weil du warst gesund. Immer nur gesund. Immer able. Immer jung. Immer fähig. Immer gut. Und dann lernst du langsam, dass die Dinge auch anders sein können. Und du bist dankbar für jedes Lachen der Pflegekraft, die ganz viel Ruhe in den Augen hat, und das obwohl ihr Körper bis aufs Letzte ausgezehrt und ausbeutet wird. Ihre Pflegekraft sie definiert und zwar als Kraft die pflegt und nicht als Mensch, als Körper der Bedürfnisse nach Ruhe, nach angemessenen Bedingungen sowie Entlohnung hat. Und dennoch pflegt sie dich gesund. Und du lernst langsam, dass du oft nicht spürst, wie schlecht es ist, wenn du den ganzen Tag auf deinem Hintern sitzt. Deine Kniekehlen, den Nacken, die Schultern, den Rücken nimmst du nicht wahr. Spüren tust du auch nicht, dass das vierte Mal Schweinsschnitzel essen diese Woche und die tägliche Cola dich aufwirbeln, aber nicht wie ein Lauf rund um den gleisenden Sonneneinfall in deinem Viertel, nein, wie etwas, dass dich ständig von innen heraus aufknöpft und nie ‚ganz‘ sein lässt. Ich bin dann Straight Edger geworden. Ich fand diese Subkultur schon immer die coolste von allen Subkulturen. Sich zu befreien, von allem was du denkst oder die Leute die um dich leben denken, dass es braucht für ein erfüllendes Dasein. Zucker, Fleisch, Sex, Drogen, also Alkohol, Nikotin, Uppers und Downers, natürlich auch Kaffee. Eine Zeit lang habe ich das gemacht, solange bis ich gelernt habe, dass ich keine dogmatischen Mechanismen in meinem Leben mehr brauche. Und hier will ich nicht missverstanden sein, der Dogmatismus ist in mancher Hinsicht durchaus nützlich, in einer Form, einer Art von Disziplin, wie sie etwa ein tibetischer Mönch an den Tag legt, wenn er Stunde um Stunde meditiert um im ruhenden Bewusstsein sein volles Potenzial erspüren zu können. Nun wohnt in meiner Brust weder Fanatiker*in noch tibetischer Mönch. Ein morgendlicher Kaffee ist schön, Zucker manchmal gut und auch gegen ein Glas Rotwein und eine Zigarette ist nichts einzuwenden. Aber ich lasse diese Dinge nicht mehr mich bestimmen. Das sind die feinen Unterschiede. Oft verläuft ein Leben ganz leicht neben der Spur, so leicht, dass es von außen gar nicht sichtbar ist, aber wenn du kratzt an den Fenstern, rein in das Haus von jemandem schauen kannst, dich anlehnst an die Transparent-Wände, die Leute sich vor ihre glasigen Augen stellen, dann spürst du, nur spüren tust dus, dass der ein oder die andere nicht bestimmt, dass das ein oder andere Glas Wein, die ein oder andere Mehlspeise, der ein oder andere Fick sie bestimmt. Wenn sie traurig und einsam an den Abenden alleine dasitzen und nicht wissen wohin mit sich und ihrer Leere. Und dann müssen die Löcher eifrig gefüllt, ja gestopft werden! Mit allem Möglichen. Wein. Mehlspeisen. Schwanzbilder. Baumarkt. Möbelhäuser-Kataloge. Fernreise, natürlich buchbar übers Internet. Rasenvertikutierer. Aber darum soll es nun nicht gehen. Obwohl es ein Teil des Problems ist, dessen Beschreibung ich mir nun vorgenommen habe, obwohl das Beschreiben von Dingen sich immer schwierig verhält vor allem für eine Malerin, da denke ich, ich müsste doch eigentlich in der Beschreibung stocken, innehalten und der Künstlerin in mir beipflichten in dem Bedürfnis es doch einfach bildlich auszudrücken. Nein, diesmal nicht. Diesmal schreibe ich es ab. Ab von meiner inneren Aufgeknöpftheit, schreibe es mir ab, schreibe es raus aus meinem Gehirn rein in etwas anderes. Gebe es euch und ihr könnt es euch dann wie toten Fisch mit kräftigen Schlägen in die Gesichter knallen oder Wemauchimmer dieses Bild zu komödiantisch oder gewaltvoll ist und komödiantisch und gewaltvoll sein, dass liegt so nahe beieinander, Werauchimmer mit dem einen oder dem anderen oder den beiden in Kombination eine Schwierigkeit hat, der darf und soll und kann das was ich hier raus und reinschreibe und ab und wegschreibe auch schlucken und spucken darf es lesen oder sogar nachempfinden. Das ist aber die schwierigste Übung von allen, und deshalb habe ich den toten Fisch vorgeschlagen. Eine prophylaktische Figuration, eine semiotische Intervention, eine Tote-Fisch-Imagination!

Alles ist toter Fisch. Heute und für immer!

Zumindest aber sicher noch für die nächsten Tage und Wochen! Eine PK des Bundeskanzlers ist toter Fisch. Öffentliche Statements von breitenwirksamen Schauspielgesichtern ist toter Fisch. Mir fallen dazu nur Bernhards abfällige Worte gegenüber dieser Zunft ein. Wie kann man nur, wie soll man bloß, wie sollen wir bloß, wie können wir nur, ständig diese erbärmlichen Filme ansehen, schon in gesunden Zeiten hat sich das mir nicht erschlossen, warum alle ‚Tatort‘ schauen. Schon in gesunden Zeiten hab ich nicht begriffen warum alle dieses junge Lächeln, diese schöne Frisur, diese weißen Zähne, diesen schicken Anzug, diese fehlerfreie Sprache, dieses tolle Make-up, dieses gute Image, diesen tadellosen Lebenslauft, der doch sehr interessant ist, diese Gesten, diese Blicke, diesen gesunden für sich selbst und für niemand anderen, für wirklich niemand anderen, stehenden, sprechenden Körper so feiern. Den Körper des Kanzlers. Den Körper des Schauspielers. Die Körper der Schauspieler*innen! Wohl gemerkt derer, die sich nicht den Körpern der Versehrten nähern. Da gab und gibt es andere Schauspieler*innen, die sich die Geschichten der Versehrten auf die Körper geschrieben haben, um breitenwirksam etwas zu bewegen etwas anderes spüren zu lassen. Die Geschichten der Frauen* ohne Papiere, Recht und Mittel, jeder Willkür ausgeliefert, sprech- und denkbar gemacht durch ein einfaches Zeichen. Etwas, das von außen immer so in Ordnung und ganz normal aussah, aber wenn du näher gehst an die Transparent-Wände hauchst, die die Leute vor ihren glasigen Augen aufstellen, dann spürst du, nur spüren tust dus , dass manche Dinge leicht neben der Realität verlaufen, die du dir so gut zurecht gedacht hast. Dass es da Körper gibt, die versehrt sind, die wir es nicht wert finden, gesehen zu werden, dass es Gewalt gibt, die Sex genannt wird. Und heute formieren sich dort und da Medusen, die Geschichte anders zu schreiben. Doch das Gros der Frauen weiß, Athene ist die beste, die einzige, die wahre, die richtige Zeus-Tochter. Jede Schauspielerin hat ihren Platz und den nicht zu verlassen, darum geht es immer und überall, denn jede*, jede* hier, ausnahmslos jede*, auch die Kraft die pflegt, jede* Kraft die pflegt will die Beste, die Einzige, die Wahre, die Richtige sein! Jede will gut sein! Kannst dus ihnen verdenken? Hier in Österreich. Sich einfügen, einordnen. Eine Gute sein. Nur eine Gute sein. Bloß keine von den scheiß Weibern sein.

Am Ende ist alles dasselbe! Und für immer toter Fisch.

Und es sind die schön Frisierten. Die schön frisierten Locken der blonden Schauspieler*in, die sich nicht die Geschichte der Versehrten auf den Körper schreibt, weder damals noch heute. Es ist die schön frisierte Haarpracht des jungen Talents aus der ÖVP. Es sind diese Lachen. Diese schönen weißen, gleisenden Lachen, die noch besser klingen, immer besser klingen, immer besser und besser klingen und klingen wie Glöckchen und Glöckchen nie heller klangen und schöner und reiner die Glöckchen, ja die Glöckchen nicht das Röcheln. Das Röcheln überdeckt von den Glöckchen. Das Röcheln der Menschen, die die Seuche haben und hatten. Das Todes-Röcheln. Das Ersticken. Das Geräusch des Erstickens. Das will doch niemand hören! Das will doch niemand hören das will doch niemand hören das will doch niemand hören das will doch niemand hören das will doch niemand hören das will doch niemand hören das will doch niemand hören, dass die Seuche kein toter Fisch ist! Die Seuche ist real. Die Seuche ist kein Wortbild. Keine rhetorische Figur, der die Beine gebrochen werden können. Die Seuche ist kein Wutgeschwätz von kleinen rechten Männern. Die Seuche unterliegt keiner Nachrichtenkontrolle. Die Seuche hat kein Gewissen. Die Seuche will keine Moral, weder die der schönen Körper die immer gut sichtbar, immer gut präsentiert, gepflegt, geduscht, die Haare gemacht, die Zähne geputzt, gesund, und sauber auf den Bildschirmen, ob groß ob klein, auf jedem Schirm stehen, in ihren bruchsicheren Figuren, ihren Beinbruch-sicheren rhetorischen Figuren, die nicht erkranken, niemals, nie, niemals müde oder langweilig werden. Immer polierend und poliert sind. Die will die Seuche nicht, die polierend polierte Moral! Noch will die Seuche die Moral von dir oder die Moral der Religionsväter, die Moral der Linken oder die Moral der Familien oder die Moral der Lehrerinnen, derer die alleine sind oder derer, die in Gruppen sich bewegen. Durch die Straßen drücken und schieben und wälzen und fluchen und stampfen und hetzen. WAS DIE SEUCHE NOCH WILL WOLLEN ALLE WISSEN. Ich will euch sagen, was die Seuche will. Gar nichts will die Seuche! Nie wollte die Seuche was. Es ist eine Seuche. Wenn wir uns zu nahe kommen stecken wir uns an. Wenn wir Masken tragen, dann behalten wir die Viren für uns. Wenn wir uns die Hände waschen ist das Virus tot! Und dann kannst du natürlich noch Leute fragen, die davon verstehen, davon Ahnung haben, wie etwa Ärzt*innen oder Virologen oder Seuchen-Spezialist*innen, die gelernt und studiert haben ohne Nachrichtenkontrolle, um das zu werden was sie sind. Aber am Ende des Tages bleibt es dabei. Die Leute sterben. Die Leute sterben auf den Intensivstationen. So viele Leute sterben. So viele Körper die wir nicht sehen. So viele Körper die verschwinden, die verschwunden sind einfach so über Nacht. Am Tag. Immer verschwinden sie. Diese Körper. Über 10.000 sind es nun. Aber das Röcheln, das nach Luft ringen, das ist ein Geräusch, das wir nicht hören. Nicht in der ZIB, nicht vom Kanzler und schon gar nicht von den Schauspielern. Ihren Alltag wollen sie zurück! Wir wollen alle unsere Alltage zurück! Alle wollen wir alle Alltage zurück! Jetzt aber sofort aber für immer alle Alltage! Die Alltage die wir alle wollen nach denen wir und unsere Körper sich so sehnen! Unsere lebendigen für immer gesunden Körper sehnen sich nach allen Alltagen! Und die Schweinsschnitzel und der Zucker, das Fleisch, der Sex, die Drogen, also der Alkohol, das Nikotin, die Uppers, die Downers, der Kaffee, die Schwanzbilder, die Baumärkte, die Möbelhaus-Kataloge, die Fernreisen, natürlich buchbar übers Internet, die Rasenvertikutierer. Wir gehen ganz bestimmt alle ganz selig zurück zu unseren Alltagen und zu Beginn leise wie ein nie enden wollender Loop wird sich das Röcheln immer lauter schaukeln, das Röcheln sich über die Melange-Häferln legen und um die Hälse wickeln wie warme, selbstgestrickte Schals am Wiener Rathausplatzer Weihnachtsmarkt. Das Röcheln wird aus den Erden kommen, aus den Erden ins Rollen kommen, aus den Erden sich aufknöpfen ins Nichts und herausbrechen aufs Fahle verschmieren und mal leise, mal laut ins Brennen übergehen, ins Fluten übergehen in die Pariser Klimaziele reinbrechen wie Toter Fisch.