Wien Kunst
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Malen & Leben. Oksana Zmiyevska.

Oksana Zmiyevska ist eine gegenständliche Malerin. Ihr Malereistudium schloss sie bei Johanna Kandl ab. Seit 2017 lebt sie als freischaffende Künstlerin in Wien.

Wie sieht dein kreativer Prozess aus?
Es gibt bei mir verschiedene Ich-Zustände, und in allen diesen Zuständen, spielt der Bauch eine wesentliche Rolle. Menschen, die ich im Alltag treffe, inspirieren mich. Während der Corona-Ausgangssperren traf ich einen Mathematiker, der allein im Wald spazieren ging. Wir kamen auf Parallelen und Differenzen zwischen Kunst und Mathematik zu sprechen. Die wissenschaftliche Mathematik ist vom Leben der Allermeisten noch weiter entfernt als die bildende Kunst. Der Mathematiker erzählte mir beim Waldspaziergang von Cédric Villani, einem französischen Mathematiker und Politiker, der sagt, dass es in der Mathematik um Imagination geht. Inzwischen hatte ich Gefühle entwickelt für den Mathematiker aus dem Wald, die ich mir nicht ganz eingestand. Es gab Wunschvorstellungen, Verliebtheit, die Frage, was ist Realität, was ist Einbildung? Schließlich habe ich – nach Versuchen, die Spaziergangsbekanntschaft zu malen – Cédric Villani gemalt. Als ich die Farben ausgepackt habe, kamen tausend Erinnerungen und Assoziationen, ein Trance-Zustand und in wenigen Pinselstrichen war dieser Cédric Villani da. Die Bildfindung geht bei mir durch Bauch, Herz und Kopf. Bei anderen Bildern, wie bei dem Gemälde Tango, ist der kreative Prozess ein Kampf, bei dem die letzte Schicht viele Niederlagen verdeckt.

Die Bildfindung geht bei mir durch Bauch, Herz und Kopf. Bei anderen Bildern, wie bei dem Gemälde Tango, ist der kreative Prozess ein Kampf, bei dem die letzte Schicht viele Niederlagen verdeckt.

Welche Faktoren beeinflussen deine Arbeiten?
Wenn ich gerade, wie jetzt, meinen Aufenthaltskram für Österreich erledigen muss, nimmt mir das Kraft und Zeit für die künstlerische Praxis. Als ich zum Beispiel Sou sitzend im Februar gemalt habe, war dieses bürokratische Aufenthaltsthema bereits am Horizont. Ich bin im Jahr 2004 nach Österreich gekommen. Dann musste ich jedes Jahr mein Visum verlängern. Zuletzt habe ich einen 5-Jahre-Daueraufenthaltstitel erworben, der jetzt verlängert wird. Ich erlebe die Zeit im Atelier als Kontrast zu dieser befristeten Zeit, die von dunklen Wolken der Ungewissheit bestimmt ist. Im Oktober habe ich meinen Handyvertrag gewechselt. In der Silvesternacht hat dann plötzlich mein Handy stundenlang nicht funktioniert, eine komische Service-Lücke. Am nächsten Tag begrüßte ich im Café Weidinger die Freundin, mit der ich um Null Uhr hätte feiern wollen. Wir saßen zusammen und sprachen über Männer. Am anderen Ende des Cafés sah ich einen jungen Mann sitzen, der ein Buch las. Nachdem ich den Vorsatz gefasst hatte, das neue Jahr mit Mut zu beginnen, wollte ich den Mann an Ort und Stelle ansprechen. Ich ging zu ihm hin, aus der Nähe sah ich, dass er eine kleine frisch blutende Rasierwunde im Gesicht hatte. Sou, der da einsam sitzend Nietzsche las, war das perfekte Modell für mich.

Du bist auf der Krim geboren. Wann warst du das letzte Mal dort?
2010.

Oksana Zmiyevska - aa collections
Ausstellung. Aa Collections Gallery

Hast du einen Mentor?
Von Amoako Boafo habe ich den Respekt vor meinen Bildern gelernt. Daniela Hammer-Tugendhat und Verena Krieger haben mein Verständnis für die Zusammenhänge zwischen Zeit und Kunst geprägt. Johanna Kandl hat mir meine Farbkompetenz bewusst gemacht. Otto Zitko hat mir gezeigt, wie der Kerzenlicht-Test geht.

Wie wichtig sind Träume für dich?
Einmal träumte ich, dass der Kopf meiner Mutter zerfließt. Ich habe dann versucht diesen Kopf, diesen halben Kopf zu malen. Daraus ist eine Serie entstanden.

Worauf sollen wir jetzt wert legen?
Für unsere Freiheiten kämpfen. Psychische Gesundheit ist noch wichtiger geworden. Und dass wir uns als Teile eines größeren Ganzen begreifen.

Was hast du heute noch vor?
Einen Blattsalat essen und Boxen schauen.

Oksana Zmiyevska – www.oksanazmiyevska.com