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Interview mit Jan Gustav Fiedler

Als Kurator und Direktor des Museum of Now sucht Jan Gustav Fiedler permanent nach Orten, an denen Architektur und Kunst Synergien bilden und besondere Raumgefühle entstehen. Gemeinsam mit seinem Partner in Crime Denis Leo Hegic ist er verantwortlich für international beachtete Formate wie Wandelism (Berlin 2018), Monumenta Leipzig (2018), die Gründung des reisenden Hauses Museum of Now sowie weitere Ausstellungen in Berlin, Kiel, Leipzig, Miami und Wien.

Wie gehts dir? Wie empfindest du die aktuelle Situation?
Nachdem der Beginn der Pandemie uns Anfang des Jahres vor Augen geführt hat wie fragil das Gebilde ist, welches wir hier in Europa als selbstverständlich empfinden mit Reisefreiheit, gutem Gesundheitssystem und sorglosen zwischenmenschlichem Umgang, habe auch ich mich neu sortieren müssen. Eine Erkenntnis der Verlagerung des kulturellen Lebens in den digitalen Raum war für mich, dass online Ausstellungen, Konzerte oder Theater Aufführungen lediglich eine Ergänzung aber kein Ersatz sein können. Dementsprechend habe ich mich nach Möglichkeiten umgeschaut, wie man selbst bei einem zweiten Lockdown die direkte Interaktion zwischen Kunst und Betrachter aufrecht erhalten kann. Glücklicherweise ergab sich die Möglichkeit für das Schloss25 einen Skulpturenpark zu gestalten, sodass dort an der frischen Luft verhältnismäßig unbedenklich ein unmittelbarer Umgang mit Kunst stattfinden kann.

Jan Gustav Fiedler
Jan Gustav Fiedler. Foto: Ben Gross

Wie kamst du zur Kunst und welche Ausbildung hast du genossen?
Das hat sich nach und nach entwickelt, von den Romanen meiner Kindheit über die Organisation des Kulturprogrammes für das Goethe Institut in München bis hin zum Kunstgeschichte Studium an der Uni Wien. Während des Studiums habe ich dann angefangen Ausstellungen zu organisieren, Eines kam zum Anderen, eine Ausstellung folgte der nächsten und so geht es bis heute.

Während des Studiums habe ich dann angefangen Ausstellungen zu organisieren, Eines kam zum Anderen, eine Ausstellung folgte der nächsten und so geht es bis heute.

Du bist Leiter des „Museum of Now“. Kannst du uns über das Konzept mehr erzählen?
Wenn wir das Wort Museum hören denken wir zuerst an ein eindrucksvolles Gebäude, welches aus aller Welt zusammengetragene Exponate ausstellt. Brechen wir das Ganze dann jedoch auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes herunter, dann ist ein Museum in erster Linie ein Ort, an dem die Musen wohnen. Das Museum of Now ist ein reisendes Haus, welches diese besonderen Orte aktiv sucht, sich mit ihnen verbindet, Neugierigkeiten erforscht und Trends kreiert. Solch ein Ort kann eine hölzerne Industriearchitektur aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts sein, wie bei der MON Berlin Edition im Oktober 2019, eine ehemalige Synagoge in Trnava, wo am 07. November die MON Slovakia Edition eröffnet oder jeder andere urbane Raum der inspiriert und mit dem man sich auseinandersetzten möchte. Dabei steht das „Jetzt“ immer im Fokus, sei es in der Artikulierung von in diesem Moment gesellschaftlich relevanten Thematiken, die Zusammenarbeit mit Künstlern die aktuell im Fokus stehen oder einer künstlerischen Annäherung an Theorien die sich mit dem „Jetzt“ beschäftigen. Der Grundgedanke einer jeden MON Edition ist, das die Welt keine weitere Ausstellung nur der Ausstellung halber braucht, sondern die Kraft der Kunst als Kommunikationsmittel bewusst einsetzt, in Zeiten in der weltweit Spannungen wachsen und die Bedeutung eines Dialoges nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Unser Artist in Residence Programm begleitet jede Edition und lässt eine noch engere Verknüpfung mit lokalen Szene entstehen. Künstlerische Interventionen von jeweiligen Artists in Residence sind im Verlauf der Ausstellung elementare Bestandteile des Konzeptes.

Das Museum of Now ist ein reisendes Haus, welches diese besonderen Orte aktiv sucht, sich mit ihnen verbindet, Neugierigkeiten erforscht und Trends kreiert.

Vera Klimentyeva
Vera Klimentyeva One of “the Twelve” The exhibition “DA, PAPA” (“YES, DADDY”)

Kunst. Welche Akzente damit willst du in der Welt setzen?
Die Kunst artikuliert Gefühle, die Sprache nicht erreichen kann. Wenn man als Kurator die Möglichkeit bekommt, Räume zu gestalten, geht damit auch eine gewisse Verantwortung einher. Dabei muss sich nicht jede Ausstellung an den großen Themen unser Zeit abarbeiten, hin und wieder sehnen wir uns einfach nach Ablenkung und Schönheit, einer Flucht aus dem grauen Alltag. Eine Form von Kunst, die mich fasziniert ist jene, die auf den ersten Blick ein ästhetisches Glücksgefühl hervorruft und auf den zweiten Blick oder durch zusätzliche Informationen eine weitere Ebene bekommt. Ein Beispiel wäre der „Surveillance“ Zyklus von Valentyn Odnoviun, der als Pionier der abstrakten Dokumentation unter anderem in Gefängnissen der Gestapo, des KGB, der Stasi und des UB durch die Türspione der Zellen hindurch fotografiert. Auf den ersten Blick wirken diese Arbeiten wie ferne Planeten, als Serie gezeigt bilden sie eine Galaxie von außergewöhnlicher Schönheit. Sobald man sie jedoch mit dem Wissen betrachtet, das dieses kleine Loch die einzige Verbindung des in der Zelle Eingesperrten zur Außenwelt ist, der Willkür eines totalitären Systems ausgesetzt, bekommen sie eine völlig neue Dimension. Die Arbeiten schärfen unser Bewusstsein für das Unrecht und die Unterdrückung, die nach wie vor in vielen Gegenden herrscht, ohne dabei zu schockieren oder voyeuristisch zu wirken. Ganz ähnlich verhält es sich mit den Arbeiten von Vera Klimentyeva, die sich mit der politischen Situation in ihrer Heimat Russland auseinandersetzt und dabei traditionelle Formen mit zeitgenössischen Elementen verknüpft. Exemplarisch hierfür ist ihre Serie der „Newaljaschkas“, Sondereinsatzeinheiten der russischen Militärpolizei reduziert auf die ikonische Form der Newaljaschka Puppe, einem Stehaufmännchen, das immer wieder in seine aufrechte Ausgangsposition zurückschwingt wenn man es antippt.

Was bedeutet für dich das Wort „Liebe“?
Mit der Liebe verhält es sich wie mit der Kunst. Worte können die Ganzheit der Emotionen nicht beschreiben, deshalb versuchen wir die Sprache mit Gesten und Aktionen anzureichern um unsere Gefühle auszudrücken.

Im September kuratierst du den Skulpturengarten im schloss25. Welche Künstlerinnen stellst du aus? Was kann man sich erwarten?
Der Titel des Parks ist Hortus Conclusus, der verschlossene Garten, trägt zum einen eine Referenz auf das Schloss in sich, zum anderen suggeriert er einen Sehnsuchtsort während des Lockdowns. Ein Ort an dem man der aus den Fugen geratenen Welt entfliehen kann und nur mit sich, den eigenen Gedanken und der Kunst alleine ist. Bei der Eröffnung am 20. September werden um die zwanzig Positionen von Julia Avramidis, Ona B., Julia Belova, Magda Csutak, Sofia Goscinski, Luisa Kasalicky, Vera Klimentyeva, Ernst Lima, Xenia Lesniewski, Nana Mandl, Hannah Neckel, Elsa Okazaki, Christiane Peschek, Michaela Putz, Julia Riederer, Anabell Scheffold, Céline Struger und Stephanie Winter gezeigt. Eine Vielzahl der Arbeiten sind ortsspezifisch und setzten sich mit dem Park und seinem Baumbestand auseinander, andere brechen bewusst mit der Struktur vor Ort und schaffen eine zweite Ebene. Dabei geht es auch darum, in Zeiten wo Monumente aus vergangen Tagen negative Emotionen triggern und teilweise zerstört werden, da das Dargestellte nicht mehr mit unserem heutigen Weltbild vereinbar ist, den Ewigkeitsanspruch der Skulptur zu überdenken und einen Ort der Leichtigkeit und Freude zu schaffen. Wie ein herkömmlicher Garten wird auch der Schloss25 Skulpturenpark ständig wachsen, neue Positionen werden hinzukommen, andere sich verändern oder aufgrund ihrer Materialität gänzlich verschwinden.

Ona B. "Das Heu ist schon trocken in den Bergen
Ona B. – Das Heu ist schon trocken in den Bergen. Foto: Jan Gustav Fiedler
Sofia Goscinski : "Dessert Plants"
Sofia Goscinski, Dessert Plants. Foto: Jan Gustav Fiedler

Die Eröffnung am 20. September markiert den Auftakt, doch auch in den folgenden Wochen bis zum Jahresende werden sich Park und Skulpturen mit den Jahreszeiten wandeln und immer neue Perspektiven kreieren.

Ein Ort an dem man der aus den Fugen geratenen Welt entfliehen kann und nur mit sich, den eigenen Gedanken und der Kunst alleine ist. Bei der Eröffnung am 20. September werden um die zwanzig Positionen gezeigt.

Jan Gustav Fiedler – www.instagram.com/jangustavfiedler
MUSEUM OF NOWwww.museum-of-now.com