Wien Kunst
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Schnittstelle Kunst und Urbanität

Never At Home setzt sich aktiv für die Förderung von Kunst und Kultur ein, indem es temporäre Aktivierungen und künstlerische Nutzungen in leeren Räumen ermöglicht. Derzeit hat Never At Home seine Wirkungsstätte in einer ehemaligen Büro- und Lagerhallen am Sachsenplatz im 20. Bezirk gefunden. Zu den aktuellen Ausstellungen "INVISIBLE OBVIOUS" und "FILL." haben wir die Kuratorinnen Vera Grillmaier und Clara Grillmaier interviewt.
INVISIBLE OBVIOUS kuratiert von Vera Grillmaier & Clara Grillmaier
Mafalda Rakoš, All in this together, 2023, Ausstellungansicht

INVISIBLE OBVIOUS ist eine künstlerische Zusammenführung gesellschaftspolitischer Themen an der Schnittstelle Kunst und Urbanität. Der Raum erfüllt dabei einen besonderen Zweck, da die Idee der Transparentmachung von Leerständen in der Stadt bereits mit der Wahl des Ausstellungsortes präsent wird. Die vier Künstler:innen nähern sich dem Thema „Transparenz in urbanen Strukturen“ mit ganzheitlichem Blick. Zara Pfeifer erzählt fotografisch von der Absurdität leerstehender Immobilien am Beispiel des ICC in Berlin, Essstörungen als gesamtgesellschaftliches Problem werden von Mafalda Rakoš seit fast 10 Jahren ins Zentrum ihres künstlerischen Schaffens gestellt. Kurt Prinz dokumentiert in seinem Projekt sezierte Architektur den Abriss von Gebäuden und den damit entstehenden Abfall. Auch Alessandro Albrecht setzt sich in feinen Nuancen mit Nachhaltigkeit, Müll und Ressourcen im urbanen Raum auseinander und gibt diesen groben Themen eine schlichte Ästhetik.

FILL Als thematische Gegenüberstellung wird ein Painting Object von Robert Pawliczek installativ gezeigt und erweitert damit den Dialog über Leerstand auf einer assoziativ abstrakten Ebene. Malerei wird dreidimensional gedacht und resultiert in einer ortsspezifischen Interaktion von Kunst und Architektur. Diese verändert den Raum drastisch, obwohl nur ein in sich reduziertes Objekt gezeigt wird, das Dimension und Größe mit zurückhaltender Simplizität betont.

Wie kamt ihr auf die Idee, leerstehende Immobilien für künstlerische Ausstellungen zu nutzen? Welche Bedeutung haben diese Interventionen in Bezug auf die Diskussionen über Urbanismus, Architektur und gemeinschaftliches Leben in Städten?
Wir haben einen Leerstand zum Zentrum unserer kuratorischen Praxis gemacht Leerstehende Immobilien sind Raum, der ohnehin da ist und ungenutzt eine wertvolle verschwendete Ressource darstellt. Das Spannende an Ausstellungen in Leerständen ist, dass es immer andere Gegebenheiten sind. Die ursprüngliche Nutzung des Raumes, seine Vergangenheit und die Menschen die ihn geprägt haben, spielen immer eine Rolle und fließen in die Ausstellung mit hinein – mal mehr mal weniger. Diese Einzigartigkeit des Ausstellungsortes ist natürlich auch eine große Herausforderung, gleichzeitig aber unheimlich reizvoll. Die Räume selbst bieten auch Möglichkeiten für sitespezifische Arbeiten oder lassen uns an bestimmte Künstler:innen und ihre Werke denken, sodass es quasi aufgelegt scheint an einem bestimmten Ort mit einer bestimmten Person zu arbeiten. Das ist schon sehr inspirierend. Durch unser Projekt Never At Home möchten wir das Thema auch noch aus anderen Perspektiven bearbeiten, nämlich mit Studios und einer Community, aber auch aus wissenschaftlicher Perspektive. Dadurch wird die Diskussion nicht nur für Kunstschaffende von Bedeutung. Die Ausstellungen, Veranstaltungen und Workshops bieten eine Möglichkeit, unterschiedliche Interessengruppen in die Diskussion mit einzubeziehen. Dadurch wird auch die gesamtgesellschaftliche Relevanz unterstrichen, nicht nur für die Nachbarschaft und die Kunstszene, sondern für die gesamte Stadt. Ganz generell werden Themen besprochen wie wofür nutzen wir unseren Raum? Unsere Immobilien. Nicht nur Kunst braucht Raum, auch ganz viele andere Bereiche. Kunst jedoch hat die Möglichkeit, sich vielseitig auszudrücken. Wir möchten einen nicht kommerziellen Raum schaffen. Für Diskussionen, für Experimente, für Entwicklung und Kreativität.

Was bedeutet INVISIBLE OBVIOUS für euch persönlich?
Invisibile Obvious beschreibt Thematiken, über die jeder Bescheid weiß, die jedoch nicht salonfähig besprochen werden. Die Bandbreite jener Themen ist sehr vielseitig. Wir gehen von der Leerstandsthematik aus – diese agiert aber stellvertretend für so viele andere Themen. Bis hin eben zu Essstörungen, wie in der Arbeit von Mafalda Rakos. Wir möchten einen Rahmen für Gespräche über jene Themen schaffen und möchten, dass sie sowohl in die medialen, politischen als auch in die persönlichen zwischenmenschlichen Gespräche miteinfließen und normalisiert werden. Leerstand beispielsweise ist ein einfaches Thema und ein rein politisch-wirtschaftliches Problem. Dass Immobilien innerhalb unserer Stadt leer stehen weiß jeder. Raum, der zum Wohnen & Arbeiten benötigt wird, Raum für den es abseits jener Grundbedürfnisse unterschiedlichste Nutzungskonzeopte gibt, wird leer gelassen – aus wirtschaftlichen Gründen. Unterstützt wird dies von der Politik. Auf persönlicher Ebene sind wir als junge Kuratorinnen auch gewissen Strukturen ausgesetzt. In einer scheinbar sehr aufgeklärten, fortschrittlichen „Kunstbubble“ finden wir uns stets alte Paradigmen wieder.

Invisible Obvious hat auf so vielen Ebenen eine starke persönliche Bedeutung für uns. Wir haben einen bewussten Fokus auf die Schnittstelle Urbanität gelegt, weil dieses Thema sehr nah an dem Kerndrive von Never At Home liegt, aber mit der künstlerischen Position von Mafalda Rakos wird klar, in was für einer Bandbreite das Thema besprochen werden kann. Diskriminierende Strukturen, denen viele Menschen tagtäglich ausgesetzt sind, begleiten uns wie ein transparenter Schleier im Alltag. Diese können tagtäglich in kleinen Interaktionen erkannt werden. Es ist auch unser persönlicher Drive, diese unsichtbaren Strukturen sichtbar zu machen. Mit Dialog und Handeln!

Wie entstand die Idee, gesellschaftspolitische Themen an der Schnittstelle von Kunst und Urbanität in der Ausstellung zusammenzuführen?
Es ist uns wichtig, zugängliche Räume zu schaffen. Unser aktueller Standort zeichnet sich dadurch aus, dass man durch das offene Garagentor direkt von der Straße die Ausstellungshallen betreten kann. Das macht diese Räumlichkeiten niederschwellig für Besucher:innen. Das ist der erste Schritt, mit dem Projekt und der ausgestellten Kunst in Kontakt zu kommen und wir möchten ja auch einen Dialograum zwischen der kreativen Community und neuen Interessent:innen eröffnen: der künstlerische Input soll die Nachbarschaft aufwerten. Die räumlichen Eigenheiten, die Architektur und die Lage des Raumes sind somit ein entscheidender Faktor. Sobald ein Zugang geebnet ist, geht es darum, dass die künstlerischen Interventionen Diskussionen eröffnen und auf gesellschaftspolitische Themen aufmerksam machen.

Genau da setzen wir an und deshalb war die Idee das stadtpolitische Thema der Leerstandsnutzung mit künstlerischen Interventionen zu kombinieren.

Wie habt ihr die Auswahl der teilnehmenden Künstler:innen getroffen und welche Kriterien habt ihr dabei berücksichtigt?
Alle Künstler:innen der Ausstellung kommunizieren ihre Werte sehr stark. Dies bezieht sich sowohl auf die künstlerische Arbeit, als auch auf ihre persönlichen Interaktionen. In der Praxis überschneiden sich diese Bereiche oft. Alle Künstler:innen beschäftigen sich mit Themen, die sich in unserem kuratorischen Ansatz überschneiden. Dabei geht es neben Leerstand generell um Urbanität, Ressourcen, Architektur und gemeinschaftliches Leben sowie die Herausforderungen, Chancen und Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. Eine große Rolle dabei spielen auch die unglaublichen absurden Dinge, die in diesem Kontext passieren. Zaras Arbeit, eine Dokumentation des leerstehenden ICC Messegbäude in Berlin ist dafür ein Beispiel. Damit macht sie genau auf das Thema aufmerksam, das im Zentrum unserer kuratorischen Arbeit steht. Wir haben darauf geachtet, unterschiedliche Zugänge zur Thematik und auch zur Fotografie zu berücksichtigen: Bei allen teilnehmenden Künstler:innen besteht ein Bezug zur Fotografie, auch bei Robert Pawliczek. Er stellt ein Painting Object aus, eine Skulptur, die sich in den Raum einschreibt. Es entstand für diese Ausstellung eine wahnsinnig tolle Installation, die mit dem Raum arbeitet. Robert bietet diese einzigartige Interaktion mit dem Raum, die einerseits für sich steht und mit unserem Thema arbeitet. Andererseits ist die Arbeit Teil eines riesigen Projekts, was auch ein sehr schöner und besonderer Aspekt wird. Dadurch wird wieder die Temporalität unterstrichen, die Leerstand mit sich bringt und Projekten eine Einzigartigkeit verleiht. Auch dafür war Ausgangspunkt und erstes Medium die Fotografie. Er sammelt visuelle Sinneseindrücke fotografisch, die als Basis für die Entwicklung seiner Formen dienen. In dem Prozess wird stets darauf Bezug genommen.

Ausstellungsansicht. INVISIBLE OBVIOUS kuratiert von Vera Grillmaier & Clara Grillmaier
Kurt Prinz und Alessandro Albrecht, Ausstellungsansicht

Welche Bedeutung haben die Arbeiten in Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit, Müll und Ressourcen?
Das sind alltägliche, unelegante, meist negativ behaftete Themen. Auch hier ist ein Perspektivenwechsel erfrischend und schafft es neue Betrachtungsräume. An diesem Punkt sind die Arbeiten von Alessandro Albrecht vielleicht ganz interessant: Er richtet seine Aufmerksamkeit auf Details im urbanen Raum, fotografiert diese auf fast provozierend ästhetische Art und macht dadurch auf die Müll-Problematiken und Ressourcenverschwendung aufmerksam. Es ist irritierend, Motive zu sehen, die in der Wahrnehmung an abstrakte Malerei erinnern, um dann festzustellen, dass es sich dabei um Schrott und Müll handelt. In der Ausstellung ist ja auch ein riesiges, 140 kg schweres Altpapierpaket ausgestellt. Warum Altpapier mit so einem großen Aufwand ausstellen? Der Anblick ist skurril und irritiert. Diese Frechheit soll aber als Warnzeichen für die Dringlichkeit der weltweiten Müll-Thematik verstanden werden. Eine andere Fotografie von ihm zeigt massenhaft Ton bei der Pilgramgasse, der bei den Umbauarbeiten ausgegraben wurde. Sein Zugang, sich mit Material auseinanderzusetzen, kommt in dieser Arbeit sehr klar heraus: neben der Fotografie hat er mit diesem Ton eine Skulptur gebaut.

Ausstellungsansicht. INVISIBLE OBVIOUS kuratiert von Vera Grillmaier & Clara Grillmaier
Mafalda Rakoš, All in this together, 2023, Ausstellungansicht

Auf welche Weise kann „Transparenz in urbanen Strukturen“ geschaffen werden und welchen Stellenwert hat sie in diesem Kontext? Brauchen urbane Strukuren Transparenz?
Wir denken, der erste Schritt ist es, einen Dialog loszutreten. Anschließend muss auch ein Rahmen dafür geschaffen werden und Strukturen für die Gestaltung von Lösungsansätzen. Kunst eignet sich gut, um Diskussionen zu eröffnen, da sie alles darf und sich unterschiedlichster Mittel bedient. Never At Home stützt in gewisser Weise auch den Dialograum und versteht sich als Lösungsansatz für das Problem des Leerstandes. Transparenz wird geschaffen durch Diskussionen, Präsentationen, vor allem aber durch Handlungen. Die Ausstellung ist eine davon und in ihr finden wir viele Handlungen der Künstler:innen. Mafalda beispielsweise thematisiert Essstörungen auf ihre eigene Art. Dieses Thema wird im therapeutischen und pädagogischen Bereich behandelt. Mit ihrerem künstlerischen Ansatz schafft sie einen Perspektivenwechsel und eröffnet damit sowohl für Betroffene als auch für Dialogpartner:innen im Umfeld, in der Ausstellung und der gesamten Gesellschaft einen Dialog der losgelöst von den klassischen Räumen funktioniert. Diese Rekontextualisierung einer Thematik kann unglaublich viel bewirken. Kunst darf sich hier ausprobieren und man kann von ihr für gesellschaftliche Diskussionen einiges lernen.

Ausstellungsansicht. INVISIBLE OBVIOUS kuratiert von Vera Grillmaier & Clara Grillmaier
Kurt Prinz, Ausstellungsansicht

Welche Rolle spielt der Ausstellungsort?
Die Ausstellung findet in leerstehenden Produktionshallen statt. Diese eignen sich ideal: hohe Wände, keine Fenster, indirektes Licht von oben. Diese Produktionshallen sind mehr als der Ausstellungsort. Sie werden Teil der Ausstellung, indem sie Leerstand aufzeigen, thematisieren und in gewisser Weise ein Ansatz für das Problem sind, indem sie eine potentielle Nutzung vorzeigen. Durch die künstlerischen Interventionen wird auf den Raum und die Architektur eingegangen, der Raum gestaltet die Ausstellung mit. Die Einzigartigkeit und Temporalität davon werden beispielsweise durch die Arbeit von Robert Pawliczek unterstrichen. Mit einer site-spezifischen Arbeit reagiert er auf den Raum und unterstreicht seine Charakteristika und füllt ihn in gewisserweise mit seinen Painting Objects auf. Der Ort stellt in vielerlei Hinsicht das Herzstück der Ausstellung dar, da er thematischer Ausgangspunkt einerseits, kuratorischer Mittelpunkt und Möglichmacher ist und auch die Auswahl der Arbeiten bzw. Künstler:innen mitgestaltete.

Ausstellung: INVISIBLE OBVIOUS kuratiert von Vera Grillmaier & Clara Grillmaier
Teilnehmende Künstler:innen: Zara Pfeifer, Kurt Prinz, Mafalda Rakoš, Alessandro Albrecht
Dauer der Ausstellung: 02. Juni – 11. Juni

Ausstellung: Robert Pawliczek – FILL
Dauer der Ausstellung: Juni – 11. Juni, 18:00

07. Juni, 20:00: Sound Performance von Albert Mayr – DROPPING

Adresse und Kontakt:
Never At Home
Sachsenplatz 4-6, 1200 Wien
www.never-at-home.at