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Linda Berger. Burning candy store

Linda Berger fokussiert in ihren Arbeiten auf Aspekte des Zeigens und Verbergens. Mit dem Einschreiben, Zusammenballen, Aufschichten unzähliger feiner Federstriche wird eine Leerstelle zum Verschwinden gebracht - nämlich jene des unbearbeiteten, geschichtslosen Zeichengrundes.

Die blanke Fläche des Papiers wird zum Handlungsraum und Projektionsort mit, auf und in dem der zeitaufwändige, sich oft über Monate erstreckende Bildschöpfungsprozess stattfindet. Das daraus resultierende Werk ist enorm detailliert. Es zeugt von einer zeichnerischen Obsession und konfrontiert uns mit einer bildlichen Verdichtung der künstlerischen Lebens- und Arbeitszeit.

Ursprünglich kommt Linda Berger von der Druckgraphik, was ihren individuellen Stil und zeichnerischen Duktus nachhaltig geprägt hat. Beim Wechsel von der Radierplatte zu Papier und lackiertem Holz als Bildgrund ist sie dem energisch gesetzten Strich treu geblieben und hat zudem die Farbe als weitere Ausdrucksmöglichkeit für sich entdeckt. Ihre technische Virtuosität spielt sie lustvoll aus. Die akkurate Strichsetzung, die nicht von ungefähr an alte Meister erinnert, aber auch Othmar Zechyr und Turi Werkner könnten als zeitgenössische Wahlverwandtschaften genannt werden, bleibt stets kontrolliert. Nicht der einzelne, isolierte Strich, sondern erst die simultane Zusammenschau unzähliger, verschiedenfarbiger Einzelelemente imaginiert geordnete Unordnung. Die flirrenden Farbflächen eröffnen Sehräume, welche den Blick gleichermaßen bannen und verstören. Streift das Auge nur beiläufig über das dicht gewebte Lineament, erkennt es vage Strukturen, welche Bewegung in das statische Bild bringen und es nimmt Muster aus, welche das Kontinuum der Bildfläche rhythmisieren. Verweilt der Blick indessen, erschließen sich Imaginationsräume ungeahnter Tiefe. Mangels entsprechender innerbildlicher Bezugspunkte, – es gibt keinen Fluchtpunkt und damit keinen festgelegten Standpunkt der Betrachtung – ist die von der euklidischen Geometrie definierte Kontinuität des Raumes außer Kraft gesetzt. Die Zentralperspektive wird unterlaufen. Immer wenn das Auge etwas zu erkennen vermeint, entflieht die Darstellung der optischen Erinnerung – in einer Dialektik, die von fast mathematischer Stringenz getragen ist. Dennoch wird der Blick sogartig in eine metrisch unbestimmbare Tiefe gezogen um sich in einer unanschaulich-anschaulich gemachten Grenzenlosigkeit zu verlieren. Das Visionäre und Imaginative wird hier zelebriert. Assoziationen zu den Fotografien des Hubble-Teleskopes liegen ebenso auf der Hand, wie zu den Farbräumen des Impressionismus.

Cornelia Offergeld spricht in ihrem Text „Das Eigene und das Andere – von der Wirklichkeit zur Abstraktion“ von „planetarischen Nebeln und geologischen Fundstücken“. Die Künstlerin beschreibt sie im selben Beitrag als „Zustände einer Karte, eines Plans, einer Landschaft, als Verdichtungen oder Strukturen einer Auflösung“.

Linda Berger arbeitet dabei wie gesagt mit ausschließlich analogen Mitteln, wobei ihr gerade der handwerkliche Aspekt der meditativ-repetitiven Arbeitsweise, die mich ein bißchen an die Übungspraxis in der Musik erinnert, wichtig ist.

BILDRAUM 07
17. September 2020 bis 13. Oktober 2020
Linda Berger | burning candy store

Linda Berger – www.lindaberger.com