Wien Kunst
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What else can we do but play?

Ein kreisendes Karussell dient als Fundament und Bewegungsmechanismus einer Drehbühne. In meiner Arbeit werden herkömmliche Verwendungsmuster eines vorhandenen Spielgeräts neu interpretiert. Ein öffentlicher Raum agiert dabei als Spielstätte der Performance und wird zu einem temporären Aktions- und Interventionsraum.

What else can we do but play? unterstreicht die Notwendigkeit von öffentlichen Räumen und sieht Performance als essenziellen Bestandteil des alltäglichen Lebens. Wie kann ich performativ in einen Dialog mit meiner Umwelt treten?

Die Drehbühne. Drehbühnen wurden entwickelt um einen schnellen Bühnen- und Szenenwechsel zu ermöglichen. Mittels einer zweifach faltbaren mobilen Plattform aus Aluminium wird das Karussell, welches ich in meiner Performance bespiele, zur Drehbühne. Ziel ist es mit dieser tragbaren Konstruktion flexibel zu sein und dabei institutionell unabhängige Orte bespielen zu können. Der performative Erfahrungsmoment wird durch die neue Lesart des Vorhandenem, unter Entzug der herkömmlichen Verwendung des Karussells, gebildet. Durch die universellen Maße der mobilen Plattform, kann sie auf beliebige Karusselle angebracht werden und diese dadurch zu Drehbühnen transformieren. Die Drehbühne der Performance am Karussell wurde durch mein grundlegendes Interesse am Bühnenbau und deren mechanischen Charakteristika entwickelt. Ein weiterer Bestandteil in der Konzeption der mobilen Plattform der Arbeit What else can we do but play? basiert auf den Ideen mobiler Architektur. In den Kontext dazu setze ich mein choreografisches Arbeiten in Verbindung mit dem rotierenden Untergrund, welcher die propriozeptiven Fähigkeiten der Performerinnen stimuliert.

Die Spielstätte. Die Arbeit What else can we do but play? ist ein Anreiz, die Möglichkeiten öffentlicher Orte wahrzunehmen, und mit dem Raum und mit deren Besucher*innen in einen Dialog zu treten. Mit der Performance wird ein temporärer Möglichkeitsraum für Darsteller*innen und Zuseher*innen eröffnet. Im Fokus der Arbeit steht die institutionelle Unabhängigkeit, welche sich anhand der Covid-19 Krise und den damit verbundenen Einschränkungen gezeigt hat. Unser Lebensraum und unsere Bewegungsmöglichkeiten im städtischen Umfeld dienen als Ausgangspunkt der Aktion. Der Spielplatz dient als sozialer Erfahrungs-Raum und Begegnungszone für jung und alt. Kinder erkunden auf Spielplätzen ihre Körperwahrnehmung, ihre motorischen Fähigkeiten, sowie ihr Sozialverhalten. Diese Themen bilden eine weitere Basis der Performance und ihrem Bewegungsmaterial. Das intuitive Spielen auf einem Spielplatz ist erwiesenermaßen förderlich für die soziale und kognitive Entwicklung von Kindern. Ich möchte diesen freien Moment solcher intuitiven Prozesse erforschen und ihn aus Sicht der Erwachsenen betrachten. Das Spiel und die Stätte sollen dabei animierend und inklusiv wirken und einen neuen Denkraum erschaffen.

Das Spiel. Aus choreographischer Sicht impliziert der Begriff Spielen ein offenes, strukturloses und prozesshaftes Erforschen von Bewegungsmaterial durch die Improvisation. Das spielerische Herantasten an Bewegung eröffnet neue Qualitäten, welche ausschließlich durch die intuitive Arbeit mit dem Körper erreicht werden können. Basierend auf dem Gemälde Die Kinderspiele von Pieter Bruegel dem Älteren, habe ich das choreographische Bewegungsmaterial für die Performance erarbeitet. Spiele, sowie Szenen aus dem Gemälde, lassen sich in Gesten übersetzt in der Performance wiederfinden. Die kontinuierliche Drehung des Karussells beeinflusst dabei die Eigenwahrnehmung der Performerinnen. Empfindungen wie Schwindel, Fliehkraft, Schwerkraft und Orientierungslosigkeit werden ausgelöst. Die Inszenierung auf drehendem Untergrund erlaubt eine Auflösung der klassischen frontalen Perspektive. Das im Kunsthistorischen Museum gezeigte, um 1560 entstandene Wimmelbild von Pieter Bruegel dem Älteren, zeigt eine Darstellung eines öffentlichen Platzes. Spielende Kinder, die wie kleine Erwachsene gekleidet sind, füllen das Gemälde. Bruegel schafft mit dem Bild eine Einsicht in die Kindheit, sowie in das einfache Leben des 16. Jahrhunderts. Die Kinder in Bruegels Bild Die Kinderspiele werden in 91 Spielszenen gezeigt und agieren mit Kreiseln, Windrädern und Puppen sowie mit zweckentfremdeten Gegenständen, die zu ihren Spielgeräten werden. Viele Spielarten davon sind uns bekannt, andere ähneln Nachahmungen von Erwachsenen. Sie laufen im Gänsemarsch, spielen Fangen oder Reifentreiben, verknoten sich, drehen Pirouetten oder tanzen. Die Spielformen des Bildes werden in die Bewegung der Choreografie aufgenommen und in Gesten übersetzt – wiederholende, verbindliche Bewegungsabläufe fügen sich zu einem Tanz.

Philippe Ariès hat in seinem Buch Geschichte der Kindheit Familiengeschichte, das Verhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen, sowie Erziehung erforscht. Im Mittelalter und am Anfang der Neuzeit gab es so etwas, das wir Kindheit nennen, nicht. Die Abgrenzung zwischen Erwachsenen und Kindern war nicht existent und somit wurden Kinder, sobald sie entwöhnt wurden, als kleine Erwachsene behandelt und sofort in die mittelalterliche Einheit übergeben. Die Alten verrichteten dieselben alltäglichen Tätigkeiten wie die Jungen, spielten und lebten kollektiv miteinander.

Raum-Spiele. Was Tanz und Performance ist, befindet sich seit über einem Jahr in Neuverhandlung. Die Pandemie hat nicht nur Theater dazu gezwungen, über lange Zeiträume zu schließen, sondern auch die Kunstform an sich geprägt. Social Distancing, Lockdowns und Isolation haben ihre Spuren hinterlassen und gerade Tanz als eine Kunstform, die notwendig auf die Live-Aufführung vor Publikum angewiesen ist, musste reagieren. Nähe und Distanz, Ängste und Sorgen, aber auch das freudige Wieder-Zusammenkommen sind Themen, die aktuell bewegen. Wie können wir uns und unseren Mitmenschen begegnen? Wo können wir uns noch frei fühlen? Was macht einen safe space aus? Der öffentliche Raum im Spannungsfeld zum privaten ist einer Neubewertung unterzogen. Chiara Bartl-Salvi stellt sich in ihrer Arbeit What else can we do but play? diesen und ähnlichen Fragen, wenn sie den öffentlichen Raum als Aufführungsstätte nutzt. Drei Tänzerinnen gehen im choreographierten Schritt und tragen eine zusammengeklappte Konstruktion über ihren Köpfen. Sie schreiten langsam und entschieden, bis sie an ihrem Ziel angelangt sind: ein Kinderspielplatz in der Wiener Innenstadt.

Ausstellungsansicht
Ausstellungsansicht

Die Konstruktion wird auf das Karussell des Spielplatzes aufgesetzt und so entsteht eine Drehbühne. Die Performerinnen tauchen das Karussell an, bewegen sich auf der und um die Bühne. Ihre Bewegungsabläufe sind fließend, stark, immer wieder auch kindlich. Sie agieren in einem Kontinuum, das der Drehbewegung des Karussells entspricht und sind dabei gleichzeitig für sich als auch gemeinsam. Mal wird eine zur Anführerin und scheint die anderen anzutreiben, mal stützen sie sich gegenseitig im solidarischen Verbund. Das Bewegungsrepertoire erinnert an die Leichtigkeit kindlicher Spiele, immer wieder gibt es kurze Momente des Verweilens, in denen die Beine locker vom Bühnenrand baumeln. Auch das angedeutete Versteckspiel fällt auf. Als das Karussell zum Stillstand kommt, werden die Tanzschritte schnell und münden am Ende in einen schwesterlichen Sitzkreis, in dem sich die Tänzerinnen an den Armen halten. Im Hin und Her halten die Tänzerinnen stetig der Vertigo stand, die sich auf die musikalische Ebene überträgt. Diese ist von organischem Rattern, Rasseln und Beschleunigung geprägt, der mitreißende Eindruck wird durch die stark überhöhten Atemgeräusche noch verstärkt. Der Sound kreist in gewisser Weise um die Besucher:innen und lässt sie an der Bewegung teilhaben.

Bartl-Salvis Umfunktionierung eines alltäglichen Spielgeräts zur Drehbühne erinnert mich an das Konzept der Ville Spatiale des ungarisch-französischen Architekten Yona Friedman. Sein 1958 veröffentlichtes Manifest L’Architecture Mobile begründete GEAM, die Group d’etude d’architecture mobile. Friedmans visionäre Ideen einer neuen Stadt über der historischen waren seiner Zeit weit voraus, doch Friedman wusste schon damals, dass Raum einem Wandel unterzogen ist. Er plädierte für leichte Baumaterialien und DIY-Konzepte, die es jedem und jeder erlauben würden, selbst eine einfache Behausung aufzubauen und diese auch an einen anderen Ort mitzunehmen. Über die Ville Spatiale sagte er 2018 fast schon unheimlich prophetisch, dass sie heute die Cloud sei; eine virtuelle Parallelstadt, die über der realen schwebe. Die in der Performance zur Anwendung kommende tragbare Konstruktion, aus der, auf das vorhandene Karussell aufgesetzt, eine Bühne wird, erfüllt Friedmans Ideal eines einfachen Aufbauens auf etwas Vorhandenem.

Ausstellungsansicht
Ausstellungsansicht

Mit der Wahl des Aufführungsortes und der mobilen Bühnenarchitektur stößt What else can we do but play? eine Neuperspektivierung des öffentlichen Raumes an. Kontexte wie Freizeit und Arbeit werden kritisch betrachtet, wenn etwa die Frage aufgeworfen wird, für wen Spielplätze gedacht sind und wer im öffentlichen Raum spielen kann. Was ist überhaupt Spiel? Laut Duden eine „Tätigkeit, die ohne bewussten Zweck zum Vergnügen, zur Entspannung, aus Freude an ihr selbst und an ihrem Resultat ausgeübt wird“. Bartl-Salvi geht vom Spielbegriff aus, um eine prozessorientierte Choreographie zu schaffen, die Raum für Improvisation und Offenheit lässt. Auch die spielenden Kinderstimmen des umliegenden Parks, in dem Bartl-Salvi performt, dringen ab und an durch und erinnern daran, dass die Performance im Spannungsfeld zu ihrer Umgebung gelesen werden muss. So wie die drei Tänzerinnen keine feste Blickachse haben, weil sie sich ständig in Drehung befinden, setzt auch die Performance selbst eine Dynamik in Gang. Zuschauer:innen können sich spontan einfinden, zusehen, oder auf die Darbietung reagieren. Zwischen Publikum und Tänzerin entsteht ein Spannungsfeld, das einen Reflexionsraum eröffnet. Die umstehenden Parkbesucher:innen werden zu einem Teil der Situation, sind leiblich präsent und tragen in relationaler Weise zur Performance bei. Chiara Bartl-Salvis Choreographie stößt Fragen an wie: Wo beginnt Kunst und wo hört Alltag auf? Wer hat Zugang zu Kunsträumen? Was muss ein Bühnenraum der Zukunft leisten? Wie können wir zusammenkommen? What else can we do but play? eröffnet einen Dialog, der den öffentlichen Raum auf seine (performativen) Potenziale hin befragt und an die pandemisch bedingte Umdeutung vom Raum anschließend, eine Möglichkeit für neue Perspektiven und Reflexion bietet.

Chiara Bartl-Salvi – www.instagram.com/chiarabartlsalvi/