Amsterdam Fashion

Text: Fashion und fashion

Fashion (großgeschrieben) unterscheidet sich von fashion (kleingeschrieben). Erstere kann ohne Marketing, Branding, Kapitalismus, Trends oder „Zeitgeist“ existieren. Sie ist eine Verschmelzung von Material und Kultur.

Ursprünglich ist sie eine Technologie, die der Mensch entwickelte, um sich an wetter- und umgebungsabhängige Bedingungen anzupassen – zunächst rein aus Praktikabilität. Sie ist aber auch eine Sprache, die Akzeptanz der kommunikativen Qualitäten der Kleidung, die man trägt, je nachdem, ob es heiß oder kalt ist. Die Sprache der Fashion handelt von Selbstdarstellung und Kleidungsgewohnheiten, die mit menschlichem Verhalten und Neugier zusammenhängen.

fashion hingegen muss Geld verdienen, sie ist die Akteurin, die Kultur durch ihre Definition in ein Produkt verwandelt. Sie ist die Industrie, die Marken, die Namen. Sie greift Gegenkultur auf und macht sich verkäuflich, eine kommerzielle Industrie, die eine Ware produziert und verkauft. Yuniya Kawakubo stellt fest, dass Fashion die Physis der Kleidung übersteigt: „Fashion ist keine sichtbare Kleidung, sondern setzt sich aus den unsichtbaren Elementen zusammen, aus denen Kleidung besteht.“1 Wenn Fashion aus all den transparenten Elementen besteht, aus denen sie sich zusammensetzt, sollte sie sich auch durch diese definieren lassen. Es gibt eine Möglichkeit, unsichtbare Elemente als gallertartige Bilder zu konsumieren. Wenn wir vom Besitz der Kleidung absehen, können wir fashion konsumieren, ohne an den kapitalistischen Systemen teilzunehmen.

Courtesy of Beatriz Gomes de Pinho

Fashion oder fashion sind keine statischen, einheitlichen Konzepte. Es handelt sich vielmehr um ein Netzwerk, das stetig wächst und sich wieder auflöst. Wenn ich von Fashion spreche, beziehe ich mich nicht auf Trends, Marken oder Designer:innen. Ich beziehe mich auf die Art, wie Menschen sich zu kleiden entscheiden, und erkunde die Zirkulation von Kleidungsstücken und Ästhetiken innerhalb der Kulturen. In The Regime of Visibility schreibt Camiel van Winkel: „Es kann keine Kultur ohne Form geben, keine Inhalte ohne Repräsentation.“2 Die Form, also die Art und Weise, wie etwas sichtbar gemacht und wahrgenommen wird, muss erkannt, beurteilt und reflektiert werden. Kultur setzt visuelles Bewusstsein voraus. Andernfalls wäre die Form lediglich funktional, natürlich oder irrelevant. Mit anderen Worten: Kultur entsteht, wenn Menschen darauf achten, wie Dinge aussehen, und nicht nur darauf, was sie sind oder wozu sie dienen. (…)

Der Text wurde ursprünglich auf Englisch veröffentlicht und ins Deutsche übersetzt. Die englische Fassung findet sich unter: faddymoodboard.cargo.site

Beatriz Gomes de Pinho – www.instagram.com/beatrizpinhofilipe/


  1. Fashion-ology: An Introduction to Fashion Studies (Second Edition), Yuniya Kawakubo, Bloomsbury Publisher, 4 ↩︎
  2. The Regime of Visibility, Camiel van Winkel, NAi Publishers, 2005, 176 ↩︎

Dieser Beitrag ist Teil der Sonderausgabe »FASHION«, die für die PARALLEL Vienna 2026 produziert wurde. Link zur Sonderausgabe