
Vor den Bildschirmen sitzen Zuschauer:innen mit zur Leinwand gerichteten, aber geschlossenen Augen. Mit dem Schließen der Augen folgen sie der dem Ausstellungstitel entsprechenden Anweisung, für das Betrachten der Filme die Augen zu schließen; produzieren aber damit auch erst jene Situation des Closed Eyes Cinema. Die Bilder treten als Lichtimpulse durch die geschlossenen Lider in die Wahrnehmung ein, werden gesehen und gleichzeitig nicht gesehen. Diese Anordnung der Szene Kino bildet also die Grundlage für Ganaël Dumreichers Soloausstellung.

Es geht darum, wie filmische Wahrnehmung entsteht, und wie diese verschoben werden kann; darum, was durch geschlossene Augenlider hindurch sichtbar wird, und was für eine Art Kino so entsteht. So lassen sich Bezüge herstellen zu Verhältnis von Körperlichkeit, technischem Automatismus und Illusion, das das Kino allgemein beschreibt. Zum einen wird das Verhältnis zwischen technischer Projektion und menschlicher Wahrnehmung verschoben; zwischen dem, was der Film vorgibt, und dem, was wir daraus machen. Denn filmische Erfahrung (und sinnliche Erfahrung allgemein) entsteht nie allein aus dem, was materiell sichtbar wird. Eine doppelte Projektion also: Bilder, die von Lichtstrahlen auf die Leinwand projiziert werden, und die Bilder, die von uns selbst imaginativ hinzugefügt werden: Erinnerungen, Gefühle, Erwartungen, Assoziationen.1

Die technische Anordnung des Kinos bleibt dabei zunächst bestehen. Es gibt eine Projektion, eine zeitliche Abfolge von Bildern, Licht und Ton und ein Publikum, das sich in einem abgedunkelten Raum versammelt. Allerdings verschieben sich die Rollen der einzelnen Akteur:innen. Denn die projizierten Bilder werden nicht wie gewohnt mit den Augen von der Leinwand aufgenommen. Stattdessen werden die LED-Screens mit ihrer starken Strahlkraft selbst zu Projektionsflächen. Also: Wenn die Screens derart zu Projektoren werden, und meine Augenlider zur Leinwand, wo, in Relation zum Bild, bin ich, wo mein Körper? Stehe ich hinter der Kinoleinwand, wenn der Kinosaal ich selbst bin? Beziehungsweise: Wenn ich in meinem eigenen Körper sitze wie in einem Kinosaal? Als Medium der Projektion und dessen Konsumentin zugleich?


Zwei Eindrücke. Eins: Als Kind auf der Rutsche im Thermen-Kinderbereich („Starlight Express“), wo sich Dunkelheit (und manchmal auch Nebel) einander ablösen. Eine Tunnelerfahrung, die die Bewegungen des Körpers im Raum schwer wahrnehmbar macht, angesichts fehlender visueller Referenzen. Fast könnte es sein, dass alles andere vorbeizieht, und nur man selber stillsteht. Zwei: wiederkehrende Träume, in denen ich es nicht schaffe, die Augen zu öffnen, in kritischen Momenten. Oft sitze ich dabei im Auto. Vielleicht eine Erinnerung an den Starlight Express?
Also: Sich mitreißen lassen. Sich hörend durch Dunkelheit und Lichtimpulse tasten. In Höhen aufsteigen, durch das Gewitter fliegen und ins Wasser abstürzen. Ein schnell vorbeiziehender Schatten lässt mich innerlich zurückzucken, ein langsam anschwellendes Licht zieht mich näher.

Durch die geschlossenen Augenlider hindurch bleiben von den Projektionen Licht, Farbe, Rhythmus, Helligkeit und Bewegung erkennbar, aber keine eindeutigen Figuren oder Gegenstände. Der Sound übernimmt dabei in den Arbeiten eine strukturbildende Funktion, die im Kino gewöhnlich oft dem Bild zukommt. Er gibt Narrative Impulse, deutet Richtung, Entfernung und Bewegung an, ohne eindeutige oder endgültige Bedeutungen vorzugeben. Er lässt etwas näherkommen oder sich entfernen, setzt einen Raum in Bewegung, kündigt etwas an, bevor sich ein Schatten oder Farbwechsel zuordnen lässt. Ohne den Blick wird das Hören räumlicher, Geräusche zu einem Orientierungssystem. Eine Richtung verfolgen, die der Sound scheinbar nahelegt, nur um festzustellen, dass das imaginierte Narrativ in eine Sackgasse führt. Vorstellen, neu vorstellen. Orientieren, die Richtung verlieren, neu orientieren.
Somit ist die Aufforderung, die Augen zu schließen, auch eine Einladung, die Kontrolle über den Blick aufzugeben. Sich auf ein persönlicheres, körperlicheres, verletzlicheres Zuschauen einzulassen. Durch die Lider hindurch treffen die Lichtimpulse auf den Körper, durchdringen ihn, bevor sich daraus etwas Bestimmtes formt. Dem Kino den eigenen Körper leihen2 und trotzdem nicht alle Eindrücke ‚richtig‘ einordnen oder zusammensetzen können. Sondern sich durch sie hindurchzutasten und hindurchzuhören, sich einer Situation auszuliefern, ohne sie vollständig beherrschen zu können. Die Erfahrung liegt in der Hingabe, nicht in der Entschlüsselung.
Dauer der Ausstellung: 18. September–25. Oktober 2026 (Donnerstag und Freitag, 16:00–19:00 Uhr)
Vernissage: 17. September, 19:00 Uhr
Finissage: 26. Oktober, 19:00 Uhr
Adresse und Kontakt:
discotec
Schleifmühlgasse 12–14, 1040 Wien
www.discotec.art
- Braucherhoch, Annette. „Projektion und Illusion – Wahrnehmung im Kino.“ In Entautomatisierung. Herausgegeben von Annette Brauerhoch, Norbert Otto Eke, Renate Wieser und Anke Zechner.
München: Fink, 2014, S. 97. ↩︎ - Die Ideen von Kino und Körperlichkeit hier beziehen sich auf Christiane Voss‘ Theorie vom Zuschauer:innenkörper als „Leihkörper“ des Kinos, sowie Vivian Sobchacks Theorie des „cinesthetic subject.“ Voss, Christiane. Der Leihkörper. Erkenntnis und Ästhetik der Illusion. München: Fink 2013.
Sobchack, Vivian. Carnal Thoughts: Embodiment and Moving Image Culture. Berkeley: University of California Press, 2004, S. 53–84. ↩︎