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Swen Kählert. Kunst & Architektur

Swen Kählert, 1969 in Hamburg geboren, denkt die Malerei grenzüberschreitend. Als Maler experimentiert er mit dem Material, der Architekt in ihm denkt stets räumlich. Sich dieser Multiperspektivität bedienend, schafft Kählert Werke, die leichtfüßig die tradierten Gattungen hinter sich lassen und stattdessen einen Zwischenraum zwischen Malerei, Objekt und Mikro-Architektur besetzen.

Swen Kählert studierte Architektur an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg. Sein künstlerisches Spektrum erweiterte er u.a. mit Studien bei Armin Sandig, einem Maler und Grafiker. 1997 führte in ein Auslandsstipendium nach Venezuela, wo er in Caracas Entwürfe für Metro-Stationen und öffentliche Plätze fertigte. Seine Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt. (Vita. Text: Anne-Simone Krüger, Kunsthistorikerin)

Wie beeinflusst das Architekturstudium deine Kunst?
Kunst und Architektur kann man als getrennt Disziplinen betrachten. Ich glaube aber, dass diese Trennung in den Köpfen der meisten Menschen überwunden wurde. Architektur kann, muss aber nicht rational sein. In ihrer Manieriertheit und auch konsequenten Ablehnung von ästhetisch repräsentativen Prinzipien bezieht sie, wenn sie gut gelungen ist, eine eindeutige Postion. Einige architektonischen Entwürfe zeigen sich weniger von einer funktionalen, sondern eher von einer visionären künstlerischen Seite, die unsere Vorstellungen von Architektur hinterfragt. So ist es auch in der Kunst, sie kann, muss aber nicht einen Zweck erfüllen. Zuallererst sollte sie sich selbst genügen und sich nicht zwanghaft um „Relevanz“ bemühen.

swen kaehlert interview
Künstler: Swen Kählert

Mein Studium der Architektur hat mir sehr gut geholfen, vor allem bei großen Installationen im öffentlichen Raum. Manchmal ging es da, nach der Entwurfsphase, um simple konstruktive Lösungen. In meinem Falle waren das ganz neue Herausforderungen, wie schwimmenden oder hängende Installationen, die mit konventionellen Methoden nicht zu bewältigen waren. Da musste ich sehr kreativ werden und um Ecken denken. Grundsätzlich beziehe ich den Raum immer in meine Arbeit und Ausstellungen ein. So habe ich Malerei immer wieder installativ gezeigt. Wenn es keine White-Cube-Situation gibt, dann ist die Flucht nach vorne meist die bessere Lösung. Malerei muss ja nicht immer an den Wänden hängen! Solch raumgreifende Konzepte beziehen die Architektur mit ein. Und ganz banal betrachtet, beeinflussen meine Kenntnisse aus der Architektur auch meine malerische Arbeit. Je komplexer die Arbeiten werden, desto mehr muss ich die „Statik“ der Arbeiten berücksichtigen. Formen können sich zum Beispiel sehr gut selbst aussteifen und unterstützen. Die Natur ist das mein bestes Vorbild.

Was ist charakteristisch für deine Arbeit? Welche Materialen verwendest du?
Charakteristisch für meine Arbeit ist der Bezug zur Landschaft. Darunter verstehe ich sowohl den städtischen als auch den ländlichen Raum, beide sind (bei uns in Deutschland) gestaltet und nur sehr selten ursprünglich natürlich. Wenn ich mir aber die kleinen Details anschaue, dann entdecke ich einen wunderbaren, fast anarchischen Kosmos. Orte, die komplett ignoriert werden, weil sie nicht von Bedeutung sind. Dort entwickelt sich etwas. Zeit und Beharrlichkeit ist der Motor für permanente Veränderung. Jeden Tag kommt etwas dazu, und je länger dieser Zustand anhält, umso komplexer wird das Leben, das sich dort entwickeln kann. Daran nehme ich mir ein Beispiel. Ich wiederhole Arbeitsgänge immer und immer wieder. Jeder ist leicht anders und somit eine Variation der vorhergehenden. Nach einer Weile wachsen die Dinge und formen sich quasi fast von selbst. Dennoch entscheide ich was mir wichtig und weniger wichtig ist. Es ist eine Art bildhauerischer Prozess in Zeitlupe. Ich verstehe mich aber, vor allem weil ich meist nur mit Acrylfarbe arbeite (manchmal mische ich auch andere Farben hinzu), ganz klar als Maler und nicht als Bildhauer. Der Prozess ist ein malerischer. Für mich hat diese Routine fast etwas von Meditation. Am Anfang bin ich noch etwas zögerlich, aber je öfter ich die Schritte wiederhole, umso sicherer werde ich. Eine Linie, die man tausendmal zieht, fühlt sich anfangs anders an, als am Ende. Nach einer Weile wachse ich mit meinen Arbeiten zusammen und habe im Gefühl, wann sie „fertig“ sind. Solange sie aber nicht verkauft sind, kann es vorkommen, dass ich mir ältere Arbeiten wieder vorknöpfe und weitermache. Mir gefällt der Gedanke, dass man, erst wenn man es ausprobiert, weiss welche Ergebnisse noch möglich sind. Das kann allerdings auch nach hinten losgehen und ich stelle mich diesem Risiko. Früher habe ich konsequent auf Leinwand gearbeitet. Das wurde mir aber zu langweilig. Inzwischen benutze ich nahezu alles, was meine Aufmerksamkeit weckt. Ich mag es auf Dingen zu arbeiten, die nicht als „Malträger“ geschaffen wurden. Der Natur wäre das übrigens auch egal. Sie besiedelt konsequent alles, das sich nicht dagegen wehrt. Aus den Verbindungen, die sich daraus ergeben, entsteht ganz Neues. Der Zufall spielt dabei immer eine Rolle. Die Geschichte der Dinge ist oftmals noch nicht zu Ende erzählt, so interpretiere ich es.

swen kaehlert interview

Welche Informationen soll deine Kunst vermitteln? Was sind deine inhaltlichen Schwerpunkte? 
Inhalt meiner Kunst ist vor allem mein Streben nach Kontinuität. Jeder, der unfreiwillig aus seinen gewohnten Umständen gerissen wird, weiss wie wichtig diese sind. Zwar bin ich ein wiesenhungriger neugieriger Mensch, aber z.B. mag ich es nicht ständig auf Achse zu sein. Mir die Zeit für meine Arbeit nehmen zu können, ist mein Luxus. In Gesprächen bei Ausstellungseröffnungen merke ich oft, dass Effizienz und Wirtschaftlichkeit so dominant sind, dass Viele sich nicht vorstellen können, sehr lange mit nur einer Sache beschäftigt zu sein. Das liegt mir fern. Einige meiner Arbeiten sind relativ schnell fertig, aber andere brauchen extrem viel Zeit. Meine Freiheit ist, selbst zu entscheiden wann ich fertig bin und wann nicht. Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen sich das nicht einmal als Hobby vorstellen können, und schon gar nicht als Beruf. Ich möchte mit meiner Arbeit zeigen, dass Veränderungen Beharrlichkeit und Geduld brauchen. Das ist mit allem so. Wir sollten wieder weitsichtiger denken und weniger den schnellen Erfolg suchen. Ausserdem sollten wir nicht alles optimieren wollen. Vieles ist nahezu perfekt, die Natur z.B., und es gibt keinen Grund alles verändern oder über den Haufen werfen zu müssen. Die Verbindung mit den Dingen ist der Schlüssel zum Erfolg.

Wir sollten wieder weitsichtiger denken und weniger den schnellen Erfolg suchen. Ausserdem sollten wir nicht alles optimieren wollen.

Wie beginnst du deine Arbeiten?
Wenn ich arbeiten beginne, dann unter dem Titel für eine ganze Serie, einzelne Arbeiten haben meist keinen. Oft laufen diese Serien parallel zueinander und ergänzen sich. Ich stelle mir eine Geschichte dazu vor, also fast wie Protagonisten in einem Set. Die Querverbindungen unter den Themen und Arbeiten rufen manchmal tolle Assoziationen hervor. Dann merke ich, dass ich plötzlich Bereiche streife, an die ich zuerst gar nicht gedacht habe. Daher arbeite ich auch sehr viel, denn ich habe festgestellt, das, neben der Theorie, nur das Machen zu neunen Ansätzen führt. Das ist vor allem interessant, wenn man das eigene Œuvre anschaut und feststellt, dass das Eine zum Anderen führt. Alles steht in Verbindung. Da sind wir wieder bei der Kontinuität. Angst vor der leeren Leinwand, oder in meinem Falle „Träger“, habe ich nicht. Bei großen Leinwandarbeiten beginne ich mit einer Mischung aus kontrolliertem Vorgehen und einer Art impulsivem Zufall. Im weiteren Verlauf versuche ich mich voll und ganz auf das einzulassen, was ich dann vorfinde. Abstand nehmen und schauen, warten, wieder schauen ist sehr wichtig für mich. Nach und nach löst sich der Knoten und ich komme meinem Ziel näher. Kleinere Arbeiten sind oft einfacher. Wenn ich beginne, versuche ich die Stärken und die Schwächen der Dinge zu sehen und zu betonen. Oftmals entsteht aus der Verbindung der Dinge eine völlig neue Situation, die mich inspiriert.

Was können wir aus der aktuellen Situation lernen?
Die aktuelle Situation zeigt, dass wir die Verbindung, das Vertrauen und die Beharrlichkeit, die in meinen Arbeiten eine wichtige Rolle spielen, verloren haben. Wichtiger sind Profit, Erfolg und Prestige. Das Streben danach verstehe ich zwar, ich ticke da aber anders. Sonst würde ich ander(e)s arbeiten. Inzwischen gehört ja zum Prestige ein eignes Lager für Klopapier, Pasta und Konserven für ein Jahr zu haben – absurd! Ich bin vorsichtig, lasse mich aber nicht verrückt machen. Die Kunst hilft sehr dabei. Wie wichtig die Kultur ist, merken wir jetzt und das sollten wir in der Zukunft beherzigen. Mir war schon immer klar, dass Kunst und Kultur (KuK) die Gesellschaft, noch vor vielen anderen Dingen, zusammenhalten. Allein die KuK kann es aber nicht leisten. Es wird also Zeit, dass Konzerne, die Steuern vermeiden, für den Erhalt und Ausbau der KuK und anderer wichtiger Infrastruktur ihren Beitrag leisten müssen. Wer das nicht begriffen hat, braucht vielleicht mehr als eine Pandemie und/oder Naturkatastrophe etc. Dazu kommt, dass auch wir KuK-Schaffenden nicht vergessen dürfen, dass die Uhr des Klimawandels tickt. Also möglichst schnell wieder an die Arbeit, um Menschen zu verbinden!

Die aktuelle Situation zeigt, dass wir die Verbindung, das Vertrauen und die Beharrlichkeit, die in meinen Arbeiten eine wichtige Rolle spielen, verloren haben.

Was erhoffst du dir davon?
Zuallererst wünsch ich ich mir, dass wir alle gesund bleiben und diese Krise mit einer (nicht-Corona-)positiven Erkenntnis meistern. Ich bin zuversichtlich, denn ich sehe viel Solidarität, die vorher nicht so sichtbar war. Vor allem mache ich mir Sorgen um meine Familie und Freunde hier und in Venezuela/Lateinamerika, die nicht so gut gerüstet sind gegen diese schweren Angriffe (Krankheit, Armut, Klimawandel). Dass sie, und auch alle anderen Menschen/Länder der Welt, heil daraus kommen und wir alle danach stärker und entschlossener handeln, wünsche ich mir. Danke an Euch und alles Gute!

Swen Kählert