
Kurator Nikolaus Kratzer zur Ausstellung: „Arnulf Rainer zählt zu den Entdeckern und ersten Sammlern der Kunst aus Gugging. Diese Ausstellung ist seiner lebenslangen Beschäftigung mit Art Brut gewidmet. Sowohl Rainers Arbeiten als auch die Werke von Vertreterinnen und Vertretern der Art Brut bestechen durch eine ganz spezielle Form der Unmittelbarkeit des Ausdrucks.“
Jean Dubuffet, der den Begriff Art Brut 1945 prägte, beschrieb damit einen radikalen Gegenentwurf zum etablierten und auf Kommerz gepolten Kunstbetrieb. Art Brut steht für Kunst von Autodidakten, die abseits des Marktes und ohne Bezug zu künstlerischen Traditionen geschaffen wird.

Bereits in der Nachkriegszeit wird Arnulf Rainer durch den Surrealismus erstmals auf Art Brut aufmerksam. Besonders prägend ist für ihn die Veröffentlichung von Leo Navratils Buch Schizophrenie und Kunst, das ihn zu den Gugginger Künstlern führt.
Ab den 1960er-Jahren beschäftigt sich Arnulf Rainer intensiv mit Art Brut. Er besucht psychiatrische Kliniken und ist beeindruckt von der Authentizität, Unmittelbarkeit und Erfindungsreichtum. Im Gegensatz dazu steht für ihn die „gebildete“ Kunstszene, die er oft als überreflektiert empfindet. Animiert durch diese Auseinandersetzung folgen Zeichenexperimente in der Universitätsklinik von Lausanne unter dem Einfluss von halluzinogenen Drogen (LSD, Psilocybin, Mescalin). Diese führen Arnulf Rainer zur Beschäftigung mit Körpersprache und performativen Elementen; so malt er etwa mit bloßen Händen expressive Ölbilder oder überarbeitet Grimassenfotos von sich selbst. Es entstehen die für ihn typischen Übermalungen von Fotos seines eigenen Körpers sowie von Bildern alter Meister.



In den 1970er-Jahren entstehen Rainers Art-Brut-Hommagen, bei denen er Bilder von Künstlern wie Johann Hauser, Jean Dubuffet, Antonin Artaud oder Friedrich Schröder-Sonnenstern übermalt. Nicht um sie zu verändern, sondern um in einen künstlerischen Dialog zu treten.
Eine direkte Zusammenarbeit mit anderen Künstlern gibt es 1984 in drei Zeichnungen – zwei mit Fritz Koller, eine mit Johann Hauser. 1994 entstehen schließlich 58 gegenseitige Übermalungen mit Künstlern aus Gugging: Rainer überarbeitet 27 Druckgrafiken. Johann Fischer, Johann Garber, Johann Hauser, Franz Kamlander, Franz Kernbeis, Johann Korec, Oswald Tschirtner und August Walla übermalen insgesamt 31 Druckgrafiken und Plakate von Arnulf Rainer.


Mit einem Kreis von Künstlern, darunter etwa Peter Pongratz, Loys Egg und Franz Ringel, setzt sich Arnulf Rainer für die Anerkennung von Art Brut ein. So ist es nicht zuletzt der Initiative von Pongratz zu verdanken, dass 1970 in der Galerie nächst St. Stephan in Wien die erste Verkaufsausstellung der Künstler aus Gugging stattfindet.
Arnulf Rainer zählt zu den Sammlern der ersten Stunde und erwirbt unter anderem Werke von Johann Hauser. Heute zählt Arnulf Rainers Art Brut Privatsammlung zu den größten in Europa. Sie umfasst neben Kunst aus Gugging Werke von bekannten und unbekannten Vertreter:innen der Art Brut.

In der Ausstellung werden Werke von Arnulf Rainer, Johann Garber, Johann Hauser, Margarethe Held, Rudolf Horacek, Fritz Koller, Hans Krüsi, Rudolf Liemberger, Michel Nedjar, Philipp Schöpke, Friedrich Schröder-Sonnenstern, Volkmar Schulz-Rumpold, Sava Sekulić, Oswald Tschirtner, August Walla und Adolf Wölfli sowie die Gemeinschaftsarbeiten von Rainer mit Koller und Hauser gezeigt.
Mit dieser Ausstellung präsentiert das Arnulf Rainer Museum einen weiteren bedeutenden Teil der hochkarätigen Sammlung Zambo, die 2024 von den Landessammlungen Niederösterreich übernommen wurde. Der international renommierte Kunstsammler Helmut Zambo begleitet Arnulf Rainers künstlerische Laufbahn über Jahrzehnte hinweg und trägt mit großer Leidenschaft die heute weltweit umfangreichste Sammlung seiner Werke zusammen. Durch seine enge Verbindung zu Rainer wird Zambo auch auf die Künstler aus Gugging aufmerksam.
Helmut Zambo über seine erste Begegnung mit Art Brut: „Meine Begeisterung für Art Brut wurde durch einen Atelierbesuch bei Arnulf Rainer Mitte der 1960er-Jahre geweckt. Dort kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit der Kunst aus Gugging und war sofort begeistert! Ich wünsche den Besucherinnen und Besuchern dieser Ausstellung, dass es ihnen ähnlich ergeht – dass sie von den Bildern berührt und beglückt werden. Möge ihnen die Begegnung mit diesen Kunstwerken die Augen öffnen und sie für ihre einzigartige Schönheit und Ausdruckskraft sensibilisieren.“

Aus ersten Begegnungen entsteht eine tiefe persönliche Beziehung zur Institution und ihren Künstlern – eine Verbundenheit, die sich in der Sammlung und Unterstützung niederschlägt. Bis heute setzt sich Helmut Zambo mit großem Engagement für die Sichtbarkeit und Anerkennung von Art Brut ein. Er ist Vorstand der Privatstiftung Künstler aus Gugging und Vorstandsmitglied des Vereins Freunde des Hauses der Künstler in Gugging.
Neben der Sammlung Zambo, die den Schwerpunkt der Ausstellung ausmacht, und Privatleihgaben wird erstmals ein umfangreiches Konvolut der Sammlung Navratil präsentiert, die Leo Navratil in Form eines Vorlasses an die Landessammlungen Niederösterreich übergab.

Ausstellung: Arnulf Rainer & Art Brut
Kuratoren: Nikolaus Kratzer, Leiter der Kunstsammlung des Landes Niederösterreich, und Helmut Zambo, Kunstsammler
Dauer der Ausstellung: bis 4. Oktober 2026
Open House: Samstag, 18.10.2025 von 14.00 – 17.00 Uhr
Adresse und Kontakt:
Arnulf Rainer Museum
Josefspl. 5, 2500 Baden bei Wien
www.arnulf-rainer-museum.at
Begleitend zur Ausstellung gibt es ein vielfältiges Programm für Erwachsene und Kinder. Weitere Informationen dazu finden sich im Veranstaltungskalender des Arnulf Rainer Museums.
In der Ausstellung werden bedeutende Werke aus verschiedenen Serien von Arnulf Rainer (1929-2025) mit Kunstwerken der Art Brut in Beziehung gesetzt. Besonders im Fokus stehen dabei Rainers Hand- , Finger- und Fußmalerei, die Serie der Face Farces, Rauscharbeiten und seine Überarbeitungen von Fotografien der grotesken „Charakterköpfe“ des Bildhauers Franz Xaver Messerschmidt. All diese Werke bieten interessante Verknüpfungen zu Künstler:innen der Art Brut.

Johann Garber (*1947) Der 1947 in Wiener Neustadt geborene Johann Garber zieht mit 21 Jahren in die psychiatrische Einrichtung in Maria Gugging ein. Seit 1981 lebt und arbeitet er im Haus der Künstler. Während sich Arnulf Rainers Übermalungen durch eine Spannung zwischen Fülle und Leere, zwischen Malschicht und Untergrund auszeichnen, begegnet man bei Garber einem homogenen „All-over“, einem zur Gänze mit Formen oder Farben angefüllten Bildfeld oder Bildträger. Neben Alltagsgegenständen bearbeitet Garber auch seine direkte Umgebung künstlerisch, so etwa Sessel, Lichtschalter oder den Kohleofen in seiner Werkstatt, dem ehemaligen Heizraum im Haus der Künstler. Zu Johann Garbers bekanntesten Arbeiten zählen seine „Krickerln“ – bunte, mit knalligen Acrylfarben überzogene Jagdtrophäen. In der Ausstellung ist der Künstler mit diesen ikonischen Arbeiten vertreten.

Johann Hauser (1926–1996) wird 1926 in Bratislava geboren und zieht während des Zweiten Weltkrieges mit seiner Familie nach Österreich. Mit 16 Jahren kommt er in die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Mauer-Öhling und wird 1949 in die Heil- und Pflegeanstalt Gugging überstellt. 1981 zieht er in das Haus der Künstler und lebt dort bis zu seinem Tod im Jahr 1996. Das künstlerische Werk Johann Hausers bildet insofern eine Besonderheit, als sich bei diesem Künstler schon in seinen ersten Zeichnungen sowohl seine Themen als auch seine stilistischen Eigenheiten abzeichnen, die er in seinen späteren Schaffensperioden nur noch abwandelt bzw. verfeinert. Die Themen seiner Kunst sind sehr unterschiedlich. Hausers Hauptmotiv ist die Darstellung der Frau. Dabei handelt es sich meistens um Aktdarstellungen, bei denen er vor allem die sekundären Geschlechtsmerkmale hervorhebt. Darüber hinaus finden sich auch Kampfflugzeuge, Panzer oder Rettungsautos, sowie Darstellungen einzelner Motive, wie eines Rechtecks, einer Sonne und eines Mondes oder eines Herzens und Sterns. Johann Hauser zählt heute zu den weltweit berühmtesten Vertreter:innen der Art Brut. Er ist der Gugginer Künstler, mit dem sich Arnulf Rainer am umfassendsten auseinandersetzte. In direkter Anlehnung an Hausers klar konturierte Figuren entstehen Zeichnungen auf Ultraphan, etwa Der Fliegenesser oder Michelangelo Blumen essend von 1966. Basierend auf den Zeichnungen auf Ultraphan fertigt Rainer Offsetlithografien an, die er zum Teil wieder überarbeitet. Die Übermalung des Fliegenessers zählt zu den Highlights der Ausstellung.

Margarethe Held (1894–1981), geboren 1894 in Mettingen, verstand sich selbst als Medium. Nach persönlichen Schicksalsschlägen beginnt sie 1950 zu zeichnen. Innerhalb weniger Jahre entstehen etwa 400 Papierarbeiten. Zunächst zeichnet sie mit Bleistift, später mit Kohle und farbiger Pastellkreide. Mit wenigen Ausnahmen handelt es sich um Portraits in Frontalansicht und im Profil. Es sind Gesichter, die auf Grundcharakteristika reduziert sind. Gerade diese prägnante Vereinfachung verleiht ihnen eine kraftvolle Intensität. 1977 veröffentlicht Held, die ihr künstlerisches Arbeiten ebenso abrupt beendet, wie sie 1950 damit begann, eine umfassende Publikation die Zeichnungen, Visionen und Texte vereint. In der Ausstellung ist die Künstlerin mit einer Auswahl ihrer Portraitzeichnungen vertreten.
Rudolf Horacek (1915–1986) wird 1915 in Mannswörth, Österreich, geboren und lebt von 1981 bis zu seinem Tod im Jahr 1986 im Haus der Künstler in Gugging. Seine Zeichnungen beschränken sich meist auf die Darstellung eines Kopfes, nur sehr selten zeichnete er einen ganzen Körper. Er beginnt seine Werke mit einer eiförmigen Umrisslinie. Diese umfasst nicht nur kreisförmig ausschraffierte Augen, sondern auch eine Linie oder Nase, die das Gesicht in zwei Hälften teilt. Auf einer zweiten Ebene sind Wörter, kurze Sätze oder Zahlenfolgen in den Kopf oder seinen Umraum eingeschrieben. Manchmal werden sie von Rechtecken eingefasst, sind durchgestrichen oder unterschiedlich groß und bestehen aus unterschiedlichen Schriften. Auch in der Ausstellung Arnulf Rainer & Art Brut ist Horacek mit diesen markanten Kopf-Zeichnungen vertreten.
Fritz Koller (1929–1994) wird 1929 in Wolfpassing, Österreich, geboren und lebt von 1981 bis zu seinem Tod im Jahr 1994 im Haus der Künstler in Gugging. Kollers Kunst ist die des schnellen Strichs, der oft Figuren zerstückelte, Gegenstände und Bauwerke in ihre Bestandteile zerlegte und diese auf dem Papier aneinanderreihte. Es entstehen fast ausschließlich Bleistiftzeichnungen, mitunter verwendet er farbige Deckfarben und Tusche.
Hans Krüsi (1920–1995) wird 1920 im Schweizer Kanton Appenzell geboren. Im Alter von zwei Jahren wird er von einer Bauernfamilie adoptiert, kommt aber acht Jahre später in ein Waisenhaus. Seine Schulbildung beschränkt sich auf den Besuch einer Primarschule und er beginnt früh als Bauernjunge zu arbeiten. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, verkauft er Blumen in mehreren Schweizer Städten. Mit etwa 55 Jahren beginnt er, postkartengroße Gemälde auf Papier- und Kartonresten anzufertigen. Später experimentiert er mit einer breiten Palette an Materialien und Medien, malt auf Einkaufstüten und Milchkartons und schafft großformatige Assemblagen und Collagen. Auch verwendet er Schablonen und Fotokopien, um spätere Überarbeitungen vorzunehmen. Seine bevorzugten Motive knüpften an Kindheitserinnerungen an: Alpenlandschaften, Chalets, Tannen, die naiven Poya-Gemälde und Bauernhoftiere. 1981 widmen ihm zwei Galerien in St. Gallen und Genf je eine Einzelausstellung, diese lenken die Aufmerksamkeit der Schweizer Presse und Kunstszene auf den Autodidakten. Krüsi kann sich in der Folge ganz dem künstlerischen Schaffen widmen. In der Ausstellung ist eines seiner großformatigen Werke zu sehen.
Rudolf Liemberger (1937–1988) wird 1937 in Baden bei Wien geboren und wird bereits als junger Erwachsener mehrfach hospitalisiert. Ab seinem 37. Lebensjahr lebt er dauerhaft in der Landesnervenklinik Gugging, wo er 1988 verstirbt. Liemberger, der seine Arbeiten häufig mit dem Pseudonym „MAX“ signiert, zeichnet in den 1960er-Jahren zunächst durch Rechtecke gebildete Körper. Das Geschlecht der Figuren erkennt man einzig an der Haarlänge. In weiterer Folge gestaltet er seine Menschen immer abstrakter, zunächst durch die Betonung von Horizontalen und Vertikalen, danach als Strichgeflecht, das eine menschliche Gestalt nur noch erahnen lässt. Insbesondere die Übermalungen seiner eigenen Figuren erinnern an Arnulf Rainers ikonische Gemälde. Zudem ergeben sich zwischen Liembergers farbkräftigen, abstrakten Zeichengesten, die er präzise ins leere Blatt setzt, und den Rauscharbeiten Arnulf Rainers visuelle Parallelen. In den 1960er-Jahren führen Rausch- und Drogenexperimente, die Rainer unter anderem in der Universitätsklinik von Lausanne (1966) und im Max-Planck-Institut in München (1968) unter kontrollierten Bedingungen durchführt, zu „seismografischer Malerei“. Es soll der Moment der inneren Spannung in Zeichnungen übersetzt werden.
Michel Nedjar (*1947) wird 1947 in Soisy-sous-Montmorency, Frankreich, geboren. Ende der 1960er-Jahre unternimmt er mehrere Reisen, die ihn unter anderem nach Mexiko und Guatemala führen. Dort entdeckt er auf den Märkten seine Faszination für Puppen, die später zu einem zentralen Thema seiner Kunst werden. Nach seiner Rückkehr nach Frankreich 1976 beginnt er, seine ersten „Poupées“ zu schaffen – Fetisch-Figuren aus Zweigen, Sackleinen und anderem Abfallmaterial. Eine dieser bekannten „Poupées“ ist in der Ausstellung zu sehen. 1980 erweitert Nedjar seine künstlerische Praxis, indem er mit Zeichnungen und Fingermalereien beginnt. Bald fertigt er Serien von Bildern auf gefundenen Materialien wie Briefumschlägen, Tapeten oder der Rückseite alter Plattenhüllen. Seine eigene archaisch anmutende Formensprache bringt menschliche Figuren, Gesichter, Masken und Tiere in die Welt. Michel Nedjar lebt und arbeitet in Paris.

Philipp Schöpke (1921–1992) wird 1921 in Erlach, Österreich, geboren. Er lebte von 1981 bis zu seinem Tod im Jahr 1998 im Haus der Künstler in Gugging. In der Ausstellung finden sich mehrere seiner Darstellungen von menschlichen Figuren mit vollständigen Körpern, wobei die Betonung auf dem Kopf liegt. Besonders ist, dass er das Innere des jeweiligen Körpers an der Oberfläche zeigt: Herz, Gedärme und Rippen sind sichtbar. Die Köpfe werden von einer dichten Haarpracht umrahmt und die Gesichter blicken die Betrachtenden grinsend und Zähne bleckend an. Schöpke malt die Körperumrisse – und vor allem den Bereich der Haare – mit kräftigen Farb- und Bleistiftstrichen aus. Seine Bildnisse, zu denen Menschen, Tiere und Flugzeuge zählen, sind meist mit schriftlichem Zusatz, der Geschlecht, Name und Alter des Abgebildeten verrät, versehen.

Friedrich Schröder-Sonnenstern (1892–1982), geboren 1892 als Emil Friedrich Schröder im ehemals ostpreußischen Kaukehmen in der Region Tilsit (heute russisch Jasnoje), gehört zu den bekanntesten Vertreter:innen der Art Brut. Im Jahr 1959 nimmt er an der von André Breton (1896–1966) und Marcel Duchamp (1887–1968) organisierten Surrealismus-Ausstellung E.R.O.S. in Paris teil. Die Mischung aus psychologischen und fantastischen Elementen in Schröder-Sonnensterns Arbeiten machen ihn für die surrealistische Bewegung und andere Kunstschaffende seiner Zeit so interessant. Das Werk Mondmoralische Verkehrtheit, das in der Ausstellung zu sehen ist, steht beispielhaft für Schröder-Sonnensterns Fähigkeit, komplexe gesellschaftliche Themen mittels einer einzigartigen visuellen Sprache zu verhandeln. Dargestellt ist ein surreales Wesen, dessen Körperteile auf absurde Weise zusammengefügt sind. Das Verschmelzen menschlicher und tierischer Körperformen ist charakteristisch für sein Werk. Die Übergänge sind fließend und die Einzelformen kaum mehr voneinander abzugrenzen.

Volkmar Schulz-Rumpold (*1956) wird 1956 in Berlin geboren. Er widmet sich seit Mitte der 1990er-Jahre der Kunst. In seinen Bildern und Szenarien tauchen häufig Köpfe – teils als Kopfüßler oder vogelartige Wesen – auf. Besonders markant sind die dominanten Augen und Münder seiner Fantasiewesen, die seinen grotesken und bizarren Figuren eine starke Ausdruckskraft verleihen. Das wird auch im Werk Der nimmersatte Laufofen sichtbar, das in der Ausstellung zu sehen ist.
Sava Sekulić (1902–1989) wird 1902 in Bilišane, im heutigen Kroatien, geboren. Da er nie eine Schule besucht, ist er auf körperliche Arbeit zum Lebensunterhalt angewiesen. Ab den 1930er-Jahren bis zu seinem Tod widmet er sich intensiv der Malerei, dem Zeichnen und der Poesie. Dem Künstler zufolge stehen seine Bilder und Gedichte in einem wechselseitigen Verhältnis: Sie vertiefen und erweitern das jeweils andere Medium. Zahlreiche Arbeiten tragen auf ihrer Rückseite Textzeilen, die Deutungsmöglichkeiten bieten. Seine Bildwelten zeigen Mischwesen aus Mensch und Tier sowie Architekturen, zusammengesetzt wie Bauklötze, die die Betrachtenden in eine andere Wirklichkeit entrücken. Darüber hinaus entsteht eine Reihe von Porträts seiner Mutter und Schwestern sowie Erinnerungsbildern aus seinem Familienleben.
Der 1920 in Perchtoldsdorf geborene Oswald Tschirtner (1920–2007) zählt zur ersten Generation der Gugginger Künstler. Er lebt über zwei Jahrzehnte im Haus der Künstler und beginnt in den 1950er-Jahren mit ersten Zeichenversuchen. Im Gegensatz zu seinen Künstlerkollegen August Walla oder Johann Hauser arbeitet Tschirtner ausschließlich auf Aufforderung und nach Vorgabe eines Themas. Jedes seiner Werke ist somit eine Antwort oder Reaktion auf einen Impuls von außen. Durch die klare Formensprache und die spielerische Einbindung von Schrift erhalten seine Arbeiten besondere Leichtigkeit und Ausdruckskraft. Beim Zeichnen setzt Tschirtner die Feder meist nicht ab, wodurch viele Werke mit durchgezogenem Strich entstehen. Oft lässt sich das dargestellte Motiv erst mithilfe des Titels einordnen oder interpretieren, mitunter entsteht eine humorvolle Spannung zwischen Text und Bild. In der Ausstellung sind Arnulf Rainers Mumien Oswald Tschirtners bekannten „Kopffüßlern“ gegenübergestellt. Bei den feingliedrigen, stark stilisierten Figuren mit verlängerten Gliedmaßen handelt es sich um intime Menschenporträts.

August Walla (1936–2001) wird 1936 in Klosterneuburg geboren. Schon früh entwickelt er sein „privatmythologisches Universum“, das er auf sämtlichen Trägermaterialien – vom Tischtuch bis zum Fernsehbildschirm – darstellt. Mit dem Einzug ins Haus der Künstler in Maria Gugging im Jahr 1983 beginnt er, seinen persönlichen Wohnbereich zu gestalten. Dieses Universum wird von einer eigenen Götterwelt bevölkert, wobei jede Göttergestalt eine eigene Funktion hat. Mit einem unverwechselbaren Stil entwickelt Walla eine höchst komplexe Götterwelt sowie Sprache und erschafft so seine eigene Wirklichkeit. Symbole und geschriebene Worte sind für ihn von größter Bedeutung, meist handelt es sich um fremdsprachiges oder verfremdetes Vokabular. Walla arbeitet stets mit Dualismen wie Gut und Böse oder Mann und Frau. Die Geschlechtsidentität spielt für den Künstler eine zentrale Rolle: Er identifiziert sich während des Zweiten Weltkriegs als „Nazimädchen“, das später – zur Zeit der sowjetischen Besatzung – in einen „russischen Jungen“ „umoperiert“ wird. Mit Schriftzügen wie „KOSESNAMEN RUSSSKO WALLA. S.“ oder „ADOLFE“ spielt er in seinen Werken auf seine Geschlechtsidentität an. Im Jahr 2026 jährt sich sein Todestag zum 25. Mal – gleichzeitig hätte der Künstler in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag gefeiert. August Wallas Hauptwerken aus der Sammlung Zambo sind in der aktuellen Ausstellung Arnulf Rainers Fingermalereien gegenübergestellt. Bei seiner Hand- , Finger- und Fußmalerei schaltet Rainer den zwischen der Hand des Künstlers und dem Malgrund vermittelnden Pinsel aus. Dadurch erreicht er eine Unmittelbarkeit des Ausdrucks, die sich für ihn auch in Werken der Art Brut widerspiegelt.
Adolf Wölfli (1864–1930) wird 1864 in Bowil bei Bern geboren. 1895 wird er in die psychiatrische Klinik von Waldau in Bern eingewiesen, wo er beginnt, künstlerisch zu arbeiten. Seine frühesten erhaltenen Zeichnungen entstehen zwischen 1904 und 1906. Innerhalb seines Gesamtwerkes bilden sie eine geschlossene Gruppe, an der sich bereits die zeichnerische Qualität und die bildnerische Vision ablesen lassen, die Wölfli bekannt machen. In seinem Frühwerk herrscht noch eine große Bewegtheit, während sich die späteren Arbeiten des Künstlers immer mehr von der Natur entfernen und zum Teil unverständliche Formen und komplexe Symbolsysteme aufweisen. Ab dem Jahr 1908 verschriftlicht Wölfli seine fiktive Lebensgeschichte unter dem Titel Von der Wiege bis zum Grab und versieht das Schriftstück mit textbezogenen Zeichnungen. In dem erzählerischen Werk wirken Inhalt, Form und Sprache dynamisch aufeinander. Die Geschichte beginnt mit einer imaginären Autobiografie, die Reisen und Erlebnisse beschreibt, und gipfelt schließlich in einem umfassenden Weltentwurf. Adolf Wölfli bearbeitet seine Blätter vollflächig und wiederholt Zeichen, Symbole und Formen. Betrachtet man diese Werke genauer, erinnern sie in ihrer Struktur an ein Mandala – ein zentriertes, geometrisches Bild, das teils figürliche Elemente enthält und im Hinduismus wie im Buddhismus der Meditation und seelischen Konzentration dient. Bei Wölflis Mandala geht es darum, die Einheit, Harmonie und Unendlichkeit des Universums durch Gleichgewicht zu repräsentieren. In der Ausstellung finden sich mehrere dieser detailreichen Kunstwerke.