Paris Kultur
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Screaming Silence. Syrien vs. Paris

Grenzen überschreiten und unter widrigsten Bedingungen extreme Kontraste einfangen – das ist es, was die künstlerische Arbeit Alexander Maria Lohmanns ausmacht und seinen Werken ihre unglaubliche Kraft und Tiefe verleiht.

Lohmann hält Stimmungen fest, verdichtet sie und stellt sie in einen neuen Kontext. Brüche, Kontraste und Grenzen interessieren und begleiten ihn seit jeher: Private Schicksalsschläge brachten den Fotografensohn aus Obergurgl in Tirol immer wieder an die eigenen Grenzen. Durch diese Erfahrungen entwickelte er seinen ganz besonderen Blick auf Situationen und Momente. Nach Dschungel, Wüste und Hochgebirge ging Lohmann erneut über physische und psychische Grenzen. Im kriegszerrissenen Syrien begab er sich in Lebensgefahr.

Instabile Ruinen, lauernde Heckenschützen, ständige Militär-Schikanen und selbst die drohende Todesstrafe konnten ihn nicht aufhalten. Um die dokumentarische Rohheit der dort eingefangenen Fotografien zu brechen und ihre ohrenbetäubende Stille aushaltbar zu machen, nutzt Lohmann verschiedene künstlerische Techniken. Korrespondierende Sujets aus Disneyland, Übermalung und digitale Verfremdung erzeugen bizarre Kontraste und faszinierende Zufallseffekte.

Granatfeuer, Bombenhagel, Explosionen – beinahe täglich hört und sieht man davon in den Nachrichten. Wirklich berühren können uns diese Berichte jedoch nicht; zu fern, zu wirr, zu wenig greifbar erscheint das Geschehen. Was Krieg anrichtet, zeigt sich in ganzem Ausmaß erst im Nachhinein: an den Verletzungen, den Narben, den Trümmern. An den Getöteten, die nun fehlen. Stadtteile, Siedlungen, ganze Landstriche liegen in Schutt und Asche – und sind im wörtlichen Sinne ausgestorben. Doch in all der Zerstörung hat Alexander Maria Lohmann auch zarte Hoffnungsschimmer entdeckt: Ungezähmtes Grün überwuchert die Ruinen. Menschen tauchen wie aus dem Nichts auf, gehen ihrer Arbeit nach und beginnen, ihr Zuhause wieder aufzubauen. Das Leben geht weiter. Und mittendrin auch überall – Kinder. Sie tragen die Hoffnung einer friedlichen Zukunft in sich. Vor allem aber stecken sie voller Träume und Fantasien und wollen nur eines: spielen. Kreischende Kinder, heulende Sirenen, flackernde Lichter – auch Disneyland erinnert zuweilen an einen Kriegsschauplatz. Wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen: Das „Trümmerfeld“ am Abend ist hier im Kinderparadies schnell beseitigt und alle Beteiligten können unversehrt nach Hause gehen. Still und verlassen, hallt jedoch auch in diesen Bildern das zuvor Geschehene nach.

Wilde Freudenschreie und starke Emotionen werden beim Betrachten wieder lebendig und steigern sich zur Kakophonie. Seite an Seite mit Ansichten echter Kriegsgebiete, mit ähnlichen Motiven aus gleicher Perspektive aufgenommen, wird trotz oberflächlicher Parallelen der tiefe Kontrast der Situationen überdeutlich. Doch statt einander zu relativieren, verstärken sich die inhaltlich grundverschiedenen Sujets gegenseitig. Zu viel, zu laut, zu heftig: Die Absurdität dessen, was Menschen einander antun, schreit aus den Fotografien beider Schauplätze heraus.

Alexander Maria Lohmann – www.alexandermarialohmann.com