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Interview. Lukas Leonhard Troberg

"Lukas Trobergs künstlerische Wurzeln liegen in der Graffiti- und Street Art. Die Zeichen und Schrifttypen dieses Genres finden sich daher nicht selten in seinem facettenreichen Werk wieder, das Performances, vor allem aber Objekte und auch In-Situ-Arbeiten umfasst. [...]
Lukas Leonhard Troberg
Lukas Leonhard Troberg, Foto: Matthias Bildstein

Permanent auf der Suche nach neuen Blickwinkeln auf das Gewohnte, lässt er die Betrachter seiner Werke deshalb in eine Welt eintauchen, die gleichermaßen vertraut und fremd erscheint.. So schuf er in diesem Sinne eine Reihe von Objekten, die auf eben dieser Dualität aufbauen […] Welcher Darstellungsformen sich Lukas Troberg auch immer bedient, er beschert den Betrachtenden immer ein emotionales Wechselbad von Nähe und Distanz. Sein Schaffen entzieht sich nicht zuletzt deshalb jeglicher Vereinnahmung.“ Manisha Jothady (Schriftstellerin, Journalistin; Wien)

Welche Inspirationsquellen gibt es?
Mich interessieren auf der einen Seite Texte verschiedenster Art; momentan eine Mischung aus Hazel Brugger, Stephen Hawking und Amanda Gorman. Viel Inspiration ziehe ich auch aus der Bildsprache von Berlinde de Bruyckere, Rachel Whiteread oder Alexandra Bircken.

Was sind deine Themen? Lässt du dich auch von aktuellen Ereignissen beeinflussen?
Meine Themen sind momentan (meine) Identität, Zeit und Schrift. Ich versuche, aktuelle Ereignisse aus meinen Arbeiten herauszuhalten, aber leider funktionieren Künstler:innen so nicht. Man ist ja wie ein Schwamm, der alles um sich herum aufsaugt und dann wieder im Ausstellungskontext ausgedrückt wird. Im Nachhinein stellt sich oft heraus, dass meine Arbeiten dann doch extrem viele zeitgenössische, politische Komponenten beinhalten, die ich eher im Privaten halten wollte und eigentlich gar nicht eingeplant hatte. Ich schätze, da kommt mir dann einfach immer mein Unterbewusstsein zuvor und macht den Rest. Aber das ist ok, das akzeptiere ich inzwischen. Hilft immerhin dem Klischee des künstlerischen Genies, wenn so ein Cocktail aus verschiedensten Geisteszuständen zu einem Werk führt…

Lukas Leonhard Troberg, ANGST, 2020, video editing: Mathijs Hunfeld

Wie entstehen deine Arbeiten?
Eigentlich führen immer zwei Wege zu einer Arbeit: Entweder finde ich ein Material, mit dem ich unbedingt arbeiten will, besorge es einfach und experimentiere los. Dann kommt das genannte Unterbewusstsein, schüttet den Rest aktueller Interessen dazu und es entsteht eine Arbeit wie ‘SORRY (für J.)’. Oder eben andersherum: Ich habe eine Idee, die ich unbedingt darstellen möchte, und überlege dann, in welchem Material, Format, Kontext,… diese ihre Wirkung am besten entfalten kann. ‘ANGST’ ist so ein Beispiel. Es ging darum, einen Begriff darzustellen, der sich in genau derselben Geschwindigkeit wie die Erdrotation bewegt; so könnte man sich die Frage stellen, ob dieser sich nun um die eigene Achse oder die Welt sich um ihn dreht. Und natürlich war das Wort ‘Angst’ im Jahr 2020 inmitten einer Pandemie nicht wirklich von tagesaktuellen Geschehnissen abzukoppeln und daher (leider) äußerst zeitgenössisch.

Was ist deine größte künstlerische Herausforderung?
Mein Vater bat mich einst, den Sarg für seine Beerdigung zu gestalten. Ich glaube, dies wird die bisher schwierigste Aufgabe in meinem Leben sein. Das ganze Leben einer Person, die mir so viel bedeutet, in so einem Objekt zusammenzufassen und es ohne Kitsch auf den Punkt zu bringen, scheint mir bis jetzt immer noch nahezu unmöglich. Aber dennoch bin ich sehr gespannt auf diese Aufgabe.

Dein Stil in 3 Worten?
Form fools function.

Welches Auto fährst du?
Auto? LOL. Wenn ich unnötig viel Geld bezahlen, dafür den größten Teil meiner Zeit in einer Kiste verbringen und kaum vom Fleck kommen will, lege ich mich in ein Grab und werde Zombie. Dann kann ich immerhin nebenbei noch ein paar Menschen erschrecken.

Wann ist eine Arbeit fertig?
Ich finde den Anspruch, eine Arbeit als ‘fertig’ zu bezeichnen, vermessen. Ich mag es nicht besonders, etwas, das man selbst geschaffen hat, als definitiv zu bezeichnen. Das ist es in meinen Augen nicht. Wir befinden uns permanent auf der Suche, auf einem Weg und müssen unsere Entscheidungen ein Leben lang immer wieder hinterfragen, sonst bleiben wir stehen. Da scheint es mir nur logisch, Arbeiten lediglich als Status Quo zu sehen. Wenn ich in zehn Jahren eine meiner Arbeiten aus dem Lager hole und immer noch glaube, dass ich da ein fertiges und nach wie vor gültiges Werk vor mir habe, dann klingt das für mich ganz schön eingebildet und fern jeglicher Realität. Solange eine meiner Arbeiten noch in meinem Besitz ist, behalte ich mir vor, sie immer wieder zu verändern und zu aktualisieren, wie bei ‘#YOLO’ geschehen, die ich seit 2018 nicht mehr in der ursprünglichen Fassung von 2015 zeige (weitere Änderungen vorbehalten).

Wir updaten ja unsere Software auch permanent – warum also nicht auch künstlerische Arbeit?

Artist: Lukas Leonhard Troberg  Title: untitled (light installation)  Year: 2013  Copyright Photographer: Matthias Bildstein
Lukas Leonhard Troberg, untitled (light installation), 2013, Foto: Matthias Bildstein

Woran arbeitest du gerade? Was kommt in 2022?
Wie bereits erwähnt, interessiert mich momentan der Zeitbegriff sehr. Ich habe vor kurzem eine weitere Idee entwickelt, wie ich diesen in Verbindung mit Licht und Wort in eine interessante Form bringen kann. Jetzt heißt es also erstmal Klinken putzen gehen und Budget für eine neue, große Lichtarbeit sammeln. Des Weiteren kommt 2022 ein noch geheimer Aufenthalt irgendwo in den Alpen und ganz vielleicht eine Soloausstellung in München… fingers crossed!

Lukas Leonhard Troberg – www.lukastroberg.com