
Wie lässt sich deine künstlerische Praxis beschreiben und was zeichnet deinen Stil im Kern aus?
Grundsätzlich mache ich handgetuftete Wandteppiche. Meinen Stil würde ich als sehr intuitiv und farbenfroh beschreiben. Für mich ist es eine Art „Malen mit Wolle“. Ich beginne meist mit Handskizzen, die ich auf einen textilen Hintergrund übertrage. Während des Tufting-Prozesses verändert sich das Motiv jedoch oft noch einmal. Es passiert, dass ich mit der Tuftingmaschine quasi erneut darüber male und sich dabei Farbkompositionen sowie Größen im Laufe des Prozesses entwickeln. Das gibt mir den Freiraum, dass sich die Arbeit von der Idee bis zum fertigen Werk in unterschiedliche Richtungen entwickeln kann. Es gibt zwar ein Grundgerüst in Form einer Skizze, ein Thema und oft auch einen Arbeitstitel, dennoch habe ich kein fixes Endergebnis vor Augen.


Das bedeutet, du lässt den weiteren Verlauf deiner Arbeit bewusst offen und gibst dem Prozess viel Raum?
Ja, genau. Ich arbeite stark prozessorientiert. Die Wolle lässt sich auch wieder herausziehen oder auftrennen. Wenn ich mit einem Abschnitt nicht zufrieden bin, kann ich ihn verändern, ähnlich wie in der Malerei, wo man ebenfalls über bestehende Schichten hinweg arbeiten kann.
Wie funktioniert Tufting konkret in der praktischen Umsetzung?
Ich vergleiche es oft mit einer Bohrmaschine oder einem Akkuschrauber, nur dass vorne eine Nadel angebracht ist. Man arbeitet mit einer Tuftingmaschine und einem Rahmen, der in beliebiger Größe bespannt werden kann. Auf diesen Rahmen wird ein textiler Hintergrund aufgezogen, und mit der Maschine werden Fäden durch den Stoff geschossen. Gearbeitet wird auf der Rückseite, das Motiv erscheint auf der Vorderseite gespiegelt. Das war anfangs eine Herausforderung. Meine ersten Arbeiten waren tatsächlich spiegelverkehrt. Im Grunde handelt es sich um eine elektrische Stick- oder Punchnadel.

Wie gestaltest du den finalen Bearbeitungsprozess deiner Werke?
Nach dem Tufting schneide ich die Rückseite zu und verklebe sie, damit die Fäden fixiert sind. Die Vorderseite bearbeite ich bewusst zurückhaltend. Ich entferne einzelne Fäden oder ergänze punktuell Details. Auf starkes Nachbearbeiten wie Rasieren oder Sculpting verzichte ich. Mir ist eine organische, prozesshafte Oberfläche wichtig.
Welche Rolle spielt Materialität in deiner Arbeit?
Ich arbeite überwiegend mit Schafwolle. Das ist mir sehr wichtig. Gelegentlich verwende ich andere Materialien für bestimmte Highlights, aber grundsätzlich bleibe ich bei Schafwolle. Ich schätze sie wegen ihrer Langlebigkeit, der hohen Qualität und auch wegen der angenehmen Verarbeitung. Der Faden ist robust und reißt nicht so leicht.

Welche Erfahrungen haben dich zu deiner heutigen Arbeitsweise geführt?
Ich habe in Kopenhagen ein Praktikum bei einem Modedesigner gemacht. Dort habe ich in gewebte Wandbilder freie textile Elemente eingestickt. Das hat mir die Perspektive eröffnet, dass Bilder auch aus Textilien bestehen können und Teppiche nicht nur funktionale Objekte sind, sondern ebenso als Kunstwerke an der Wand funktionieren. Ich wollte dann eine Technik finden, die schneller und intuitiver ist als Weben, und bin so auf die Tuftingmaschine gestoßen. Diese war damals noch schwer erhältlich. Ich musste sie aus Neuseeland bestellen. Es gab sogar Berichte, dass solche Geräte beim Zoll hängenbleiben, weil sie für Waffen gehalten wurden. Nach einiger Zeit habe ich meine Maschine aber bekommen. Das war 2019. Heute ist sie deutlich leichter zugänglich.

Welche Rolle spielen Inspiration und Recherche in deinem künstlerischen Prozess?
Mich hat zunächst auch die Geschichte von Wandteppichen fasziniert, etwa ihre Transportierbarkeit. Man konnte sie einfach zusammenrollen und mitnehmen. Heute entsteht meine Inspiration vor allem aus Themen, die mich aktuell beschäftigen, und insbesondere durch das Spazierengehen. In diesen Momenten kommen viele Ideen, oft in Form von Tagträumen. Aktuell arbeite ich an einer Tapisserie für eine Ausstellung, in der menschenähnliche Wesen mit Vögeln interagieren.
Es ist eine Verbindung aus Beobachtung und Vorstellungskraft.

Du bereitest aktuell eine Ausstellung vor. Worum geht es dabei konkret?
Am 16. Mai findet die Eröffnung meiner ersten Einzelausstellung in der Galerie Sophia Vonier in Salzburg statt. Sie läuft bis zum 25. Juli und umfasst etwa zwölf Wandteppiche zum Thema Spazierengehen. Ich freue mich sehr darauf.
Welche Ziele verfolgst du in deiner weiteren künstlerischen Entwicklung?
Technisch möchte ich mich auf jeden Fall weiterentwickeln. In Kopenhagen hatte ich die Möglichkeit, mit industriellen Tuftingmaschinen zu arbeiten, die mit Luftdruck funktionieren und mehr Variationen erlauben, etwa unterschiedliche Fadenlängen. Mein Ziel ist es, mir langfristig eine eigene Werkstatt mit solchen Möglichkeiten aufzubauen. Darüber hinaus möchte ich weiterhin ausstellen und meine Arbeiten einem größeren Publikum zeigen.

Welche Bedeutung hat die Vermittlung deiner Technik in Workshops für dich?
Das ist für mich sehr spannend. Viele Teilnehmer:innen arbeiten zum ersten Mal mit der Technik. Oft stellen sie schon nach kurzer Zeit fest, wie körperlich anspruchsvoll Tufting ist. Gleichzeitig entwickeln sie ein besseres Verständnis für das Medium und schätzen die Arbeit dahinter mehr. Besonders schön ist es zu sehen, wie viel Freude es ihnen bereitet, am Ende ein eigenes kleines Werk mit nach Hause zu nehmen. Das motiviert mich, diesen spielerischen Zugang weiterhin zu fördern.
Gibt es abschließend noch etwas, das du hervorheben möchtest?
Ich freue mich sehr über alle, die zur Ausstellung kommen. Außerdem ist der Mai insgesamt eine sehr aktive Zeit für mich. Neben der Einzelausstellung bin ich auch an einer Gruppenausstellung beteiligt und zeige weitere Arbeiten in unterschiedlichen Kontexten. Es passiert gerade sehr viel, was mich sehr freut.
Bettina Willnauer – www.bettinawillnauer.com, www.instagram.com/bebtbinat/