Innsbruck Ausstellung

Nicolas Cilins – Victoria Square …

Die künstlerische Praxis von Nicolas Cilins zeichnet sich durch ihren kollaborativen Charakter aus, bei der Menschen und Gemeinschaften aktiv in den kreativen Prozess miteinbezogen werden.
Ausstellungsansicht Victoria Square Is Not a Metaphor © Daniel Jarosch
Ausstellungsansicht Victoria Square Is Not a Metaphor © Daniel Jarosch

Cilins Arbeit kann weder dem fiktionalen Kino noch dem Dokumentarfilm zugeordnet werden und bedient sich vor allem der formalen und autonomen Sprache1 des Mediums Film. Für deren Projekte weist Cilins den Protagonist*innen weder Rollen aus einem Drehbuch zu, noch dokumentiert they eine direkte Realität, vielmehr bewegen sich deren Filme und bewegte Bildinstallationen irgendwo dazwischen. Cilins Themen entfalten sich an wechselnden Schauplätzen innerhalb Europas; so auch in der Neuen Galerie der Künstler*innen Vereinigung Tirol mit der Rauminstallation Pathways, Encounters, Thresholds: Victoria Square.

Die Multi-Channel-Video- und Soundinstallation erstreckt sich über den gesamten Galerieraum und wurde so konzipiert, dass die Privatsphäre und Identität der Protagonist*innen, deren Leben sich um ein Netzwerk von Nachtbars rund um den Viktoriaplatz in Athen entfaltet, geschützt wird. Wie in einem Stadtgefüge navigieren die Besucher*innen zwischen den großformatigen Projektionen, den Erzählstimmen und den projizierten Texten. Der Ausstellungsraum wird zu einer Kartografie sozialer Spannungsverhältnisse, in der die Besucher*innen angehalten sind sich hindurchzubewegen, zu pausieren und zu reflektieren. Mehrere persönliche Erfahrungsberichte sind in arabischer, farsischer, griechischer, französischer und deutscher Sprache zu hören und zu lesen während man* durch skulptural anmutendes technisches Equipment navigiert und Szenen eines urbanen Alltags beobachtet. Die Stimmen wechseln sich ab und erzahlen in ihrer jeweiligen Muttersprache Fragmente von Erlebtem und Erfahrenem, von Alltäglichem, von Beobachtungen sowie prägenden Ereignissen. Auf persönliche Geschichten und lokale Geschehnisse folgen in der Erzählung globale Ereignisse, wie die Klimakrise, Flucht, Migration oder Massentourismus. Obwohl die Erzähler*innen die Szenen, die in der Ausstellung aus naher Ferne beobachtet werden können, nicht explizit schildern, ist evident, dass die Erzählungen und Geschichten eng mit dem gezeigten Ort, dem Viktoriaplatz in Athen, verwoben sind. Zentraler Aspekt dieses Ortes und auch der künstlerischen Arbeit ist die Lebenswelt junger migrantischer männlicher Sexarbeiter. Auf einem Graffiti im Video ist der Satz „Support your local sex worker“ – „Unterstütze deine lokalen Sexarbeiter*innen“ – zu lesen. Einige der Nachtbars rund um den Platz, die Cilins für die Arbeit regelmäßig besucht und in der Arbeit inkludiert hat, gibt es bereits seit den 1980er Jahren. Es handelt sich dabei um Orte, an denen man sich trifft, feiert, manchmal auch sexuelle Dienstleistungen erfolgen und die durchdrungen sind von einem sehr maskulin geprägten Begehren. Die zwischenmenschlichen Beziehungen, die an diesen Orten entstehen, sind meist instabil, verhandelbar und transaktional. In Griechenland ist Sexarbeit streng limitiert und nur legal, solange sie behördlich registriert ist und ein legaler Aufenthaltstitel vorgewiesen werden kann.

Ausstellungsansicht Victoria Square Is Not a Metaphor © Daniel Jarosch
Ausstellungsansicht Victoria Square Is Not a Metaphor © Daniel Jarosch

Für Nicolas Cilins stellt Sexarbeit, wie jene rund um den Viktoriaplatz, einen sozialen Spiegel dar, der Verlangen, Begehren, Fantasien aber auch soziale Abhängigkeitsverhältnisse, Machtgefüge sowie kollektive blinde Flecken sichtbar macht. Es geht nicht um Einzelschicksale, was hier auf dem Spiel steht, geht weit über einzelne Personen hinaus. Es ist ein Raum, in dem das Intime und das Politische aufeinanderprallen.

Ich glaube, dass die Situationen rund um den Viktoriaplatz sehr deutlich zeigen, wie sich miteinander verflochtene Systeme der Unterdrückung gegenseitig verstärken. Ungerechtigkeiten summieren sich nicht einfach, sondern werden von Menschen selbst an der Schnittstelle ihrer intimsten Identitäten – Geschlecht, Begehren, ethnische und soziale Herkunft, sowie rechtlicher Status – ausgeübt. Das ist konfliktreich und unangenehm, und doch sind diese Dynamiken sehr wohl am Werk.2

Ausstellungsansicht Victoria Square Is Not a Metaphor © Daniel Jarosch
Ausstellungsansicht Victoria Square Is Not a Metaphor © Daniel Jarosch

Die dreijährige Recherche vor Ort war für Cilins geprägt von einem Code des Schweigens, der sich auch in der Installationsform ausdrückt. Die fragile räumliche Inszenierung verdeutlicht die Komplexität der Situation. Die Fragmentierung und Rekonfiguration sämtlicher Elemente der Arbeit ist eine ethische, methodische und formale Entscheidung, die zu einer intendierten Opazität führt und die Ausstellungsräume der Neuen Galerie zu einem taktilen Erfahrungsraum werden lässt.

Die Stadtgeräusche und Stimmen akkumulieren sich im Laufe der Arbeit zu einer Polyphonie, bei der jede einzelne Sequenz zu einer kollektiven Erfahrung beiträgt. Die brüchige Komposition visueller, akustischer und sensorischer Ebenen, dient in diesem Szenario nicht nur dem Schutz der Privatsphäre und der Identität der Sexarbeiter, sondern thematisiert zugleich, wie ökonomischer, sozialer, politischer und kultureller Druck urbane Räume beeinflusst.

Städte sind räumliche Manifestationen sozialer Beziehungen. Unsere Wahrnehmung von ihnen ist geprägt sowohl von ihrer materiellen Form als auch von unseren Vorstellungen, von Erfahrungen, von Medien, Kunst und Kultur, von Gerüchten und letztendlich auch von unseren eigenen Begierden und Ängsten.3

Ausstellungsansicht Victoria Square Is Not a Metaphor © Daniel Jarosch
Ausstellungsansicht Victoria Square Is Not a Metaphor © Daniel Jarosch

Das Beispiel des Viktoriaplatzes in Athen zeugt von den daraus resultierenden Konsequenzen. Allerdings soll dieser nicht zu einem Sinnbild oder einer Allegorie für die multiplen Krisen einer urbanisierten Gesellschaft, geprägt von Migration, Marginalität oder Prekarität werden. Eine solche Verallgemeinerung würde nur die Komplexität der Situation ausblenden. Der Viktoriaplatz ist keine Metapher [Original: Victoria Square Is Not a Metaphor], seine spezifischen Bedingungen stehen durch die Herstellung von Beziehungen in Resonanz zu global virulenten Themen, die weit über die Grenzen von Athen hinaus relevant sind.

Ausstellung: Nicolas Cilins – Victoria Square Is Not a Metaphor
kuratorische Begleitung: Bettina Siegele
Dauer der Ausstellung: 13.02.–18.04.2026

Adresse und Kontakt:
Künstler:innen Vereinigung Tirol*
Neue Galerie
Rennweg 1, Großes Tor, Hofburg, 6020 Innsbruck
www.kuveti.at

Nicolas Cilins – www.nicolas-cilins.com, www.instagram.com/nicolascilins/


Nicolas Cilins (they/them) ist ein*e queere*r Konzept-, Video- und Performancekünstler*in aus Genf, Schweiz. Cilins Praxis entfaltet sich durch kollaborative Prozesse und situative Interventionen, wobei they sich mit Archiven und Übersetzungen – sowohl sprachlicher als auch kultureller Art – auseinandersetzt. Indem Cilins Verbindungen zwischen Individuen und Gemeinschaften fördert, untersucht they Situationen, die unsere Fähigkeit, kollektive Gemeinschaften zu bilden und füreinander zu sorgen, herausfordern. Cilins Arbeiten wurden in Museen und Zentren für zeitgenössische Kunst wie dem MAC VAL, Paris, dem Kunstmuseum Bern, der Kunsthalle Genf, Sàn Art, Ho-Chi- Minh-Stadt, der Akademie der Künste, Berlin, und dem Mucem, Marseille, dem Cabaret Voltaire, Zürich, sowie in Theatern und Veranstaltungsorten wie dem Festspielhaus Hellerau, Dresden, dem Théatre Arsenic, Lausanne, der Gessnerallee, Zürich, und den Nouvelle scène nationale de Cergy-Pontoise/Val d’Oise gezeigt. Cilins Filme waren international auf Festivals wie der Berlinale (Forum Expanded), BIEFF, Bukarest, Côté Court, Pantin, Kashish, Mumbai, FID Marseille und den Solothurner Filmtagen zu sehen. Arts Paris, dem Literarischen Colloquium, Berlin, und der Cinémathèque de Tanger. Cilins Werke sind Teil mehrerer öffentlicher Sammlungen, darunter Arsenal – Institut für Film und Videokunst, Berlin, FRAC Poitou-Charentes, Angoulême, Kunstmuseum Bern sowie das Internationales Rotkreuz- und Rothalbmondmuseum, Genf, der Fonds cantonal d’art contemporain (FCAC) und der Fonds municipal d’art contemporain (FMAC), Genf.

  1. David Zerbib, „Dealing With Resistant Facts,” in Nicolas Cilins: Stills from Seven Works, hg. Nero, 2024, S. 253. ↩︎
  2. Nicolas Cilins und Bettina Siegele, Interview, in Victoria Square Is Not a Metaphor (exh. cat., forthcoming, Spring 2026). ↩︎
  3. Leslie Kern, Feminist City: Claiming Space in a Man-Made World (London: Verso, 2020), S. 11. 6 ↩︎