
Zudem betreibt sie seit 2016 den Eigenverlag „Plackscheißerei“, der sich als Erweiterung ihrer eigenen Praxis versteht. Nach Residenzen in Schweden, Frankreich und Portugal führte sie ihr Weg 2026 nach Kärnten, wo sie auf Geheiß von VADA (Verein zur Anregung des dramatischen Appetits) als Klagenfurter Stadtkünstlerin tätig war.
Das Amt der „Klagenfurter Stadtkünstlerin 2026“ war eine kunstpolitische Reaktion auf die Streichung traditioneller Stipendien im Zuge von Sparmaßnahmen durch Bund und Land. Als Stadtkünstlerin setzte Homann öffentlich ein Zeichen gegen den damit einhergehenden Kulturverlust und verfasste vor Ort Briefe für ihre Mitmenschen. Ihr Arbeitsplatz war das Jugendstiltheater, gearbeitet wurde auf der Schreibmaschine Modell „Hermes Baby“ (eine Leihgabe vom Robert-Musil-Institut) und verschlossen wurden die Kuverts abschließend von ihr mit Wachs und amtlichem Siegel. An sechs Arbeitstagen sind 36 Briefe entstanden, die von glücklicher und unglücklicher Liebe, Freundschaft, Familie und Erinnerung erzählen, aber auch von Klagenfurt sowie dessen Politik. Im Allgemeinen reichte die Resonanz auf die „Klagenfurter Stadtkünstlerin“ von positiv bis zu steuerkritischen Fragen („Was macht sie? Wozu? Finanziert von unseren STeuErgELdeRN?“).

Du hast während der Residenz in einer öffentlichen Schreibstube Briefe für Fremde geschrieben. Wie war es für dich, die Briefe anderer Menschen zu schreiben?
Ich habe die Briefe, unabhängig vom Inhalt, als Auftrag gesehen. Mehr oder weniger simultan galt es, ein Gespür für mein Gegenüber zu entwickeln, Informationen zu sammeln, Notizen zu machen. Dann die Notizen zu einem Brief zusammenzufügen und seine Struktur festzulegen, während ich mich darauf konzentrierte, keine Tippfehler zu machen und die Formatierung mitzudenken.
Für Berührungsängste meinerseits war gar keine Zeit.
Was hast du dabei alles erfahren?
Wer die Briefe liest, erfährt inhaltlich nicht weniger als ich. Undokumentiert sind die Gespräche, die während der Besuche im Jugendstiltheater stattgefunden haben. Ich hörte beispielsweise von einem eigens für ein Dorffest angefertigten Dirndl mit Werner-Berg-Motiv, davon, dass Klagenfurt keine Stadtbibliothek besitzt oder „Das Solarium ist vom Himmel gefallen“ die Antwort ist auf die Sonne, die in Kärnten vom Himmel gefallen ist.


Welche Bitte hat dich am meisten überrascht?
Ich hatte mit Liebesbriefen gerechnet, nicht aber mit einem Liebesgeständnis. Das Liebesgeständnis resultierte in Brief 11 von 36. Es steht mir leider nicht zu, näher darauf einzugehen. Gesagt sei aber: In dem Bewusstsein, dass mir gerade die Ehre meines Lebens zuteil wird, setzte ich das Schriftstück auf. Ich bedankte mich abschließend dafür, diesen Brief verfasst haben zu dürfen.
Die alte Schreibmaschine war ein wichtiger Teil deiner Arbeit während der Residenz. Was macht dieses Gerät mit dir, deinem Tempo und deinen Gedanken?
Lustig, ausgerechnet zu diesem Aspekt eine Frage gestellt zu bekommen. Tatsächlich ereignete sich das Folgende: Ich hatte zuletzt 2016/17 auf einer Schreibmaschine gearbeitet. Auf einem ERIKA-Modell aus der DDR habe ich damals 99 Hefte der „Anno Tobak“-Trilogie fabriziert. ERIKA war mir auf dem Mauerpark-Flohmarkt in Berlin geschenkt worden und hatte eine Macke, die sich als Verschleiß der Schaltklinke zeigte. Bedeutet: ERIKA war Meisterin im Überspringen von Zeichen und setzte Leerzeichen, wo keine hingehörten. Ihre Mechanik stand in diametralem Gegensatz zu meinem Anspruch, fehlerfreie Seiten zu reproduzieren; Angst, Stress, Panik waren folglich meine ständigen Begleiter beim Tippen der Hefte. Als ich nach Klagenfurt kam und die Schreibmaschine, mit der ich während der Residenz arbeiten sollte, zum ersten Mal testete, spürte ich die Angst, den Stress und die Panik wieder in mir hochkriechen. Ich fühlte mich plötzlich zurückversetzt in meine Berliner Einzimmerwohnung, verfolgt vom Terror ungewollter Leerzeichen im linken Seitenflügel, ohnmächtig gegenüber ERIKA aus dem Hinterhaus. The Body Keeps the Score indeed.
Im Herbst 2026 ist im Verlag Hans D. Smoliner deine Publikation „36″ erschienen. Kannst du uns mehr über die Publikation und ihre Entstehung erzählen?
Die Publikation enthält, wie der Titel verspricht, die 36 Briefe, die während meiner Arbeitstage im Jugendstiltheater entstanden sind. Ich mag an dem Titel, dass er (wenigstens in Schriftsprache) die Zweisprachigkeit von Deutsch und Slowenisch in Kärnten zu berücksichtigen und zu respektieren vermag. Auf 96 Seiten werden die Briefe in anonymisierter Form als Faksimile und als Transkript dokumentiert; damit werden nicht nur ihre Inhalte, sondern auch ihre individuelle Handschrift, ihr Schriftbild und ihre Materialität zugänglich gemacht. „36“ beinhaltet zudem 16 analoge Schwarz-Weiß-Fotografien, die Einblicke in die Residenz und die Abschlusspräsentation geben. Zwischen Juni und August 2026 haben der Verlag und ich die Publikation zusammengestellt, ehe sie am 4. September 2026 offiziell erschien. Kohlepapier, welches ich zwecks Briefkopien verwendet hatte, bildet den Umschlag; durch diese gestalterische Entscheidung wird das Buch selbst zu einer Erweiterung der Residenz und zu einem eigenständigen Kunstobjekt.

Wie war für dich der Aufenthalt in der Künstlerresidenz?
Die Künstlerresidenz war mein Aufenthalt in Klagenfurt. Der Aufwand war kein geringer und die Arbeitstage waren lang und intensiv. Ich hätte gerne etwas Zeit übrig gehabt für die Stadt, leider war das kaum der Fall. Dafür traf ich zum Beispiel auf meinem Arbeitsweg zufällig Personen, die anderntags für Briefe zu mir ins Jugendstiltheater gekommen waren. Die Residenz hat mir einen eigenen Zugang zu Klagenfurt gegeben, der nicht über Sehenswürdigkeiten oder den Wörthersee führte, sondern über meine Arbeit und die Menschen, die davon Gebrauch gemacht und sich mir anvertraut haben. Aus meinem Aufenthalt ist viel Schönes hervorgegangen, etwa die Publikation, meine Teilnahme an der BUCH9020 (eine Postleitzahl, die ich während der Residenz oft auf der Schreibmaschine getippt habe) oder der Ankauf von Brief 4 / 36 durch das Robert-Musil-Institut. Brief 12 / 36 wurde sogar vom Bürgermeister der Stadt Klagenfurt in einer Gemeinderatssitzung verlesen. Sechs Monate ist es her, dass ich das erste Mal nach Klagenfurt gekommen bin; seither bin ich insgesamt fünf Mal dort gewesen. Am schönsten ist, dass es in Klagenfurt Gesichter gibt, über die ich mich jedes Mal wieder freue.

Hat die Zeit das Schreiben verändert?
Die Zeit hat nicht mein Schreiben verändert, aber meinen Blick darauf. Ich arbeite von Anfang an mit Motiven, die durch den Text leiten; für mich stellt ein Leitmotiv einerseits Kohärenz innerhalb eines Textes her, andererseits gibt mir das Leitmotiv eine Arbeitslinie. Am letzten Termin aber, zum Ende hin, klammerte ich mich geradezu ans Leitmotiv als Technik; ich war von 11 bis 23:30 Uhr im Jugendstiltheater gewesen und hatte fast durchweg Briefe geschrieben, mein Gehirn war müde, kaum mehr denkfähig, das Leitmotiv mein Rettungsanker. Im Zuge dessen habe ich gemerkt, wie viel Raum Leitmotive eigentlich bei mir einnehmen und wie sehr sie meine Texte bestimmen. In Zukunft möchte ich mich davon in unbestimmtem Maße lösen (oder zumindest versuchen).
Wenn du auf deinen Aufenthalt zurückblickst: Mit welchem Satz würdest du deinen Brief heute beenden?
Mit meiner IBAN und meinem BIC.
Veronique Homann – www.instagram.com/homannin/