
Warum nicht auf der hybriden Bank Platz nehmen und die Ruhe der Vorgartenidylle genießen? Das Publikum bewegt sich im nach innen verlegten Außenraum wie zwischen Inseln. Ist es Teil der Installation und somit Teil des Vorgartens? Und wenn ja, wer gehört noch dazu?


Bei Künstlerin Sophia Mainka entzieht sich der Vorgarten jeglicher eindeutiger Zuschreibung, und das beginnt schon beim Material. Verführerisch glänzende Oberflächen sehen aus wie gehäkelt, wirken tastbar und warm, kippen bei näherem Hinsehen ins Klebrige, Abjekte. Das perlenartig anmutende Material stammt aus dem Bau- und Sanitärbereich: Traditionell weiblich konnotiertes Textil erweist sich als Baustoff. Wie eine zweite Haut legt sich das Silikon ungewohnt weich über harte, scharfkantige Formen und eignet sich teilweise gefundene Objekte ein zweites Mal an. Der Materialwechsel ist Verwirrspiel um Wertigkeit: Was industriell anmutet, ist von Hand gefertigt, was handgemacht wirkt, ist industriell hergestellt. Steinerne Tierköpfe bestehen aus Papier, der Marmor ist falsch, das Häkelmuster aus Silikon. Mainkas Spiel mit Größenverhältnissen, mit Kitsch und Doppelmotivik verstärkt solche Kippmomente. Schuhe schimmern metallen an der Wand, erinnern an Scherenschnitte, könnten auch Silhouetten von Vögeln sein.


Solche Kippmomente wiederholen sich beim Zaun. Bei Mainka ist er keine feste Barriere, sondern permeables Geflecht, von beiden Seiten passierbar. Als Grenzmarkierung bleibt er erhalten, aber statt zu trennen, kennzeichnet er Übergänge, zumal menschliche Barrieren ohnehin mühelos von allerlei Lebewesen überwunden werden. Genau darin liegt die Funktion des Vorgartens: Er ist Übergang zwischen öffentlich und privat, zwischen kultiviert und wildwuchernd, zwischen Mensch und Tier. Mehr noch als der Garten dient die vor dem Haus angelegte Rasenfläche der Repräsentation, oft mit kuratierter Dekoration und sorgfältigem Formschnitt. Als zur Straße hin ausgestellte Bühne mit vorbeigehendem Publikum ist der Vorgarten Aushängeschild der bürgerlichen Mittelschicht, die sich hier nicht über Geld behauptet, sondern über Zeit. Der Blick von außen trifft auf einen juristisch privaten, faktisch einsehbaren und praktisch mitbenutzten Besitz. In Italo Calvinos „Herr Palomar“ (1983) will ein Mann seinen Rasen vermessen. Um die Halme zu zählen, muss er entscheiden, was zum Rasen gehört und was Unkraut ist. Der Rasen erweist sich jedoch als Menge ohne Rand, die sich bis ins Universum dehnt. Herr Palomar scheitert am Versuch, den Garten als geschlossene Einheit zu erfassen. Wem gehört der Vorgarten? Den Menschen? Oder Amsel, Maulwurf und Rosenstrauch?

Bei Mainka regen sich nicht nur die tierischen und pflanzlichen Mitbewohner des Vorgartens, sondern auch das vermeintliche Dekor schaut auf das betrachtende Publikum zurück. Vielleicht gehört der Garten ebenso den Gartenzwergen, den Schuhen, der Vogeltränke und der Bank. Was Donna Haraway in „Unruhig bleiben“ (2016) als „Mitwerden“ bezeichnet – im Sinne von symbiotischen Assemblagen aus Zellen, Geweben, Organen und Spezies, entstanden aus einer lang anhaltenden „Intimität unter Fremden“ – geschieht hier nicht nur zwischen Arten, sondern quer über Belebtes und Unbelebtes hinweg. Haraways Plädoyer, „unruhig“ zu bleiben, meint dabei die Weigerung, das Verhältnis zwischen Arten in endgültiger Harmonie oder Katastrophe aufzulösen, und begreift es stattdessen als fortlaufende Verhandlung. Verwandtschaft ist bei ihr etwas, das gestiftet und nicht von genetischer Abstammung vorbestimmt wird. Die Frage, wer dazugehört, klingt nach Zuschreibung, ist aber Galerie The Tiger Room | Heßstraße 48b, 80798 München | info@thetigerroom.de eine der Verteilung. Wer den Vorgarten besitzt, entscheidet, wer dort leben darf und wer weichen muss, wer gefüttert und wer bekämpft wird. Was im Kleinen wie eine Geschmacksfrage aussieht, ist im Großen die Ordnung, nach der wir den Planeten unter uns aufteilen: Der Mensch stellt sich an die Spitze, alles andere wird Ressource, Kulisse oder Störung. Diese Rangordnung ist keine Naturgegebenheit, sondern eine sehr alte Erzählung.

Verwandtschaft stiften heißt sich kümmern und genau da wird es zwiespältig. Wer Meisenknödel aufhängt, sorgt sich und trotzdem ist die Geste nicht unschuldig. Sorge, schreibt María Puig de la Bellacasa in „Matters of Care“ (2017), schafft Abhängigkeiten, verschiebt Machtverhältnisse und trifft Entscheidungen für ein ungefragtes Gegenüber. Vögel gewöhnen sich an die Fütterung, das winterliche Nahrungsangebot überschreibt körpereigene Signale, bis hin zum Bruterfolg im Frühjahr. Einmal begonnen, lässt sich die Fütterung nicht mehr folgenlos beenden. Ebenso zwiespältig sind die Tierköpfe im Netz. Sie stehen in einer langen Reihe von Übersetzungen, die andere Lebensformen in Architektur und Design überführen: Löwen an Hauseingängen oder Wasserspeier an Kirchenfassaden. Solche Übertragungen laufen Gefahr, am Verständnis tierischer Wahrnehmung vorbeizugehen, und können doch zum Mitgefühl mit anderen Arten beitragen. Mainka gibt diesem Widerspruch Form. Scheitern ist bei ihr integraler Bestandteil eines artenübergreifenden, kooperativen Zusammenlebens. Auch Herr Palomar scheitert an seiner guten Absicht. Er möchte alles richtig machen und sieht dabei zuverlässig am großen Ganzen vorbei. Aus der menschlich begrenzten Perspektive lässt sich nicht heraustreten, das richtige Verhalten nicht vorab bestimmen. Und trotzdem lohnt der Versuch. Mainkas Utopien sind klein, lokal und unfertig, erheben keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit und taugen genau deshalb als Modell.

where things stay too long, Der Titel klingt zunächst nach einer Mahnung. Was zu lange steht, rostet, schimmelt, stört. Die abgestreiften Schuhe hätten längst weggeräumt gehört, der Rasen wäre zu mähen, die Beete zu jäten. Der Vorgarten ist ein Ort permanenter Instandhaltung, weil alles, was liegen bleibt, als Verwahrlosung gilt. Aus anderer Perspektive kippt der Satz ins Gegenteil: Was zu lange steht, wird bewohnbar. Unter dem Regenschirmständer, den seit Jahren niemand bewegt hat, siedeln Kellerasseln. Es braucht wenig, um das eine als das andere zu lesen, eine leichte Verschiebung des Blickwinkels genügt, und plötzlich ist der ungepflegteste Ort der lebendigste. Etwas anderes aber bleibt tatsächlich zu lange. Die Hierarchie, die den Menschen an die Spitze setzt und alle anderen Arten darunter einsortiert, ist seit Jahrhunderten in Gebrauch und hat sich in Gewohnheiten, Rechtsformen, Gärten und Fassaden festgesetzt. Ersetzen lässt sie sich nicht durch Kraftakte, sondern durch neue Erzählungen und hier liegt Mainkas Stärke. Ihre Mittel, Silikon und Papier, falscher Marmor, Häkelmuster, treten nicht mit der Wucht auf, die das Pathos der großen Umwälzung verlangt. Wer auf der Bank Platz nimmt, wird stattdessen selbst zum Dekor und sitzt für einen Moment auf der anderen Seite der Ordnung. Warum sollte eine Revolution nicht leise beginnen, mit einer Verschiebung des Blickwinkels, die andere Lebensformen konsequent mitdenkt? In Architektur, in Design, im eigenen Vorgarten und von Anfang an. Nicht als Zugeständnis, sondern weil wir diese Erde ohnehin teilen.
Ausstellung: Sophia Mainka – where things stay too long
Dauer der Ausstellung: 18. September – 31. Oktober 2026
Öffnungszeiten: Donnerstag und Freitag 10 Uhr — 13 Uhr, Samstag, 13 Uhr — 17 Uhr
Adresse und Kontakt:
Galerie The Tiger Room
Heßstraße 48b, 80798 München
www.thetigerroom.de
Interview mit Sophia Mainka (veröffentlicht am 11. September 2026): hier lesen
Sophia Mainka – www.instagram.com/sophiamainka, www.thetigerroom.de/online-catalogue/sophia-mainka