
Tolia Astakhishvili lädt die Besucher:innen des Mumoks bis zum 18.6.26 fast täglich ein, den Aufbau ihrer kommenden Ausstellung Figure of the child zu besichtigen. Im Rahmen des Programms Tolia Curriculum bietet sie diversen künstlerischen Interventionen inmitten der entstehenden Ausstellung eine Bühne. Am Donnerstagabend, den 28.5.26, waren die Künstler:innen der TransArts-Klasse sowie die Kurator:innen Magdalena Stöger und Leon Hösl eingeladen, den Ort für sich zu nutzen.


Wir betraten den Raum durch einen kurzen, schmalen Gang. Auf der Wand zu unserer Linken klebten halb abgekratzte schwarze Buchstaben. Unter den Textresten der vergangenen Sammlungsausstellung Nie Endgültig! lagen Müllsäcke herum. Nach dem kurzen, schmalen Eingang zog sich die linke Wand weiter, und rechts von uns eröffnete sich die Ausstellung im Aufbau. Im Raum stand ein großes Holzgerüst. Vor dieser Konstruktion, unmittelbar nach dem Eingangsbereich, war eine lange Tafel aufgestellt. Ich sah am Tisch nur eine einzige Person. Sie nahm den ersten Platz auf der rechten Seite des Tisches ein und kehrte ihren Rücken dem offenen Ausstellungsraum mit dem Holzgerüst zu. Sie schien unserer Gegenwart entrückt zu sein. Vor ihr stand ein hausförmiges Objekt am Tisch. Sie widmete sich konzentriert der akribischen Bedeckung des Objektes mit einem leichten, weißen Tuch. Unmittelbar über dem Boden und unterhalb der Höhe der Tischplatte wurde gegenüber der Person ein unbewegtes Lichtbild auf die Wand projiziert. Es zeigte eine Hand, die unter einem Sessel herumsuchte. Inzwischen ertönten einzelne Klänge einer Zither aus Lautsprechern, die hinter der Szene, inmitten der Holzkonstruktion installiert waren. Wir wurden von Magdalena Stöger eingeladen, uns kurz umzusehen und einen Sitzplatz am Boden zu wählen. Um die Tafel waren Polster angeordnet. Manche waren bereits von den Künstler:innen besetzt. Wir setzten uns gleich nach dem Eingangsbereich hin und schauten von hinten der versunkenen Arbeit der Person am Tisch zu. Das projizierte Bild geriet so aus unserem Blickfeld. Unsere Freunde suchten sich einen Platz am anderen Ende der Tafel. Als ich sie mit meinem Blick begleitete, entdeckte ich auch die Person mit der Zither in der Entfernung. Sie saß ebenfalls am Boden und spielte langsam einzelne Töne des Instruments.

Wir schauten von unserem Platz am Boden zur langen Tafel hinauf. Sie war in ihrer gesamten Länge mit aufwendig gestalteten, bodenlangen Tischtüchern bedeckt. Unsere kindliche Perspektive erlaubte nur zum Teil die Betrachtung der Objekte auf der Tischplatte. Neben dem weißbedeckten Haus erkannte ich Kerzenständer, die mit einem bunten Stoff umwickelt wurden. Die weiter entfernten Objekte konnte ich von unserem Platz aus nicht mehr identifizieren. Während ich nach oben blickte, kroch jemand unter der Platte entlang und schaltete Lampen in regelmäßigen Abständen hinter den Tischtüchern ein. Ein rötliches Licht drang diffus und friedlich durch das Gewebe der Stoffe.


Wir hatten keinen Zweifel, dass wir das Zelt eines Kindes betrachten. Die eingewickelten Objekte am Tisch deutete ich als Platzhalter für verschüttete Kindheitserinnerungen der Künstler:innen. Ich fühlte mich in meiner Interpretation bestätigt, da eine Lesung mit der folgenden Textstelle begann: Alle Gegenstände stehen so sehr auf ihrem Platz, dass es schwer vorstellbar ist, sie woanders zu sehen; sie könnten nicht einmal ertragen, auch nur ein bisschen verrückt zu werden.” Die Lesung war von mehreren Personen aus der Klasse ausgeführt. Sie reichten ein Mikrofon umher, lasen Stellen literarischer Werke vor, sowie ihre eigenen Schriften und sangen hin und wieder Lieder zwischen den Texten. Die deutsche Sprache wurde nach wenigen Sätzen von einer englischen Textstelle unterbrochen. Bald folgten Texte und Lieder in den verschiedensten Sprachen. Manchmal verstand ich diese, manchmal versuchte ich sie zu entziffern. Manchmal blieb mir nichts anderes übrig, als das reine Zuhören; die Wahrnehmung der fremden Eigentümlichkeit einer Sprache, die sich der Deutung entzieht. Die Stellen, die ich verstand, handelten von Erinnerungen: Ich bewohnte, wenn wir dort waren, immer dasselbe Zimmer: in der zweiten Etage, am Ende des Ganges, mit abgeschrägter Decke, direkt unter dem Dach. Jó, akkor felejtsük el. De hiába igyekszem emlékezésre késztetni magam, s így azt sem tudhatom, hogy mit kéne elfelejtenem. My father told me: „Anger is a luxury we cannot afford.” Die sprachliche Besetzung des Raumes war opak. Ich überlegte oft, ob meine Freunde die gelesenen Texte verstehen. Das Gesagte war in dem Raum immer gehört und ständig unverstanden. Ich war mir sicher, dass die Künstler:innen sich gegenseitig auch nicht immer verstehen. Wir, die Besucher:innen, saßen also um ein Zelt eines Kindes herum. Die spontane Architektur aus Stoff, das projizierte Bild, die Töne der Zither sowie die diffuse, rote Lichter breiteten den Weg für eine nostalgische Grundstimmung. Zugleich saßen wir an einem langen Tisch und hörten Geschichten zu, die wir nicht oder nur mit Mühe und brüchig verstanden. Es gab nicht eine, hegemoniale Sprache, die die Erzählungen als Übersetzungen gezähmt hätte. Die Zuhörer:innen blieben mit der Nostalgie allein. Es gab keine geteilte Erinnerungen im Raum. Keine Sprache tat so, als ob sie alle Geschichten erzählen könnte. Die Nostalgie ist ein altbekanntes Werkzeug der Reaktionären, wenn diese eine nie gewesene, homogene und sichere Vergangenheit der Nation erinnern. In den Räumen der Gegenwart, die von entgegengesetzten Temporalitäten, Ruinen und Baustellen sowie zahlreichen Sprachen und Geschichten durchzogen sind, kann die Sehnsucht nach der Sicherheit des Altbekannten tatsächlich nur mit Lügen und Gewalt befriedigt werden. If hearing about a world other than yours / Makes you uncomfortable / Drink the sea, / Cut off your ears, / Blow another bubble / To bubble your bubble and the pretense. / Blow up another town of bodies in the name of fear. – so eine vorgelesene Stelle. Die Nostalgie, die entlang der Tafel aufstieg, traf jedoch nicht auf die Erzählung einer allgemeingültigen Geschichte in einer hegemonialen Sprache. Sie half uns eher an die Neugier zu erinnern, mit welcher Kinder die Welt außerhalb der Kategorien des eigenen Verstandes betrachten. Die Nostalgie erinnerte mich in diesem Raum an das vorurteilslose Zuhören, das die Welt verschieden und rätselhaft sein ließ. Die Besucher:innen betrachteten nostalgisch die Vielheit der Erinnerungen und die Grenzen ihrer eigenen Sprache. Wir wurden für die Zeit, die wir mit der TransArts-Klasse verbrachten, zu emphatischen und neugierigen Zuhörer:innen der Erzählungen der Anderen.
Adresse und Kontakt:
mumok – Museum moderner Kunst
Museumsplatz 1, 1070 Wien
www.mumok.at
Am Donnerstagabend, den 28.5.26, gestalteten die Kurator:innen Magdalena Stöger und Leon Hösl den Ort mit Künstler:innen der TransArts-Klasse (Frederike Gordillo, Jordi Albers, Juli Winterstein, Kimiya Rastgou Moghadam, Lea Liebl, lutzz bog-lárk., Michael Robert Jimenez, Momoko Berthold, Natallia Yelavik, Noa Schaub, Pieter Zomerdijk, RAQVIA, Yoav Ben-Moshe) und einem Fragment der Arbeit GIRL von Marietta Mavrokordatou.
