Wien Kunst
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Paul McCarthy & Lilith Stangenberg

Seit 2017 arbeiten der US-amerikanische Künstler Paul McCarthy und sein Sohn Damon am Projekt NV / NIGHT VATER – ausgehend vom berühmt-berüchtigten, in Wien gedrehten Film THE NIGHT PORTER (1974) der italienischen Regisseurin Liliana Cavani.
© Paul McCarthy. Courtesy the artist and Hauser & Wirth. Photo: Alex Stevens
© Paul McCarthy. Courtesy the artist and Hauser & Wirth. Photo: Alex Stevens

Der Film thematisiert die sadomasochistische Beziehung des ehemaligen SS-Offiziers Max mit seinem ehemaligen Opfer Lucia, einer ehemaligen KZ-Insassin. Max tauchte nach dem Krieg unter und arbeitet als Nachtportier in einem Wiener Hotel. Dort begegnen er und Lucia sich zufällig wieder – und sie sind sich immer noch verfallen, so dass ihr Verhältnis neu auflebt. Der Film wie auch McCarthys Projekt greifen die Überschneidungen von Sex und Macht, die Wiederkehr des Verdrängten, den Vaterkomplex in der Politik und die anhaltende Anziehungskraft des Faschismus als Ideologie und Ästhetik auf – eine Adaption als Neuinszenierung politischer Landschaften. NV / NIGHT VATER wurde in einem labyrinthartigen Set gedreht, das eine Reihe von Räumen umfasst – darunter Nachbildungen von Sets des Originalfilms sowie Flure und Zimmer eines Marriott-Hotels in direkter Nachbarschaft des Filmstudios in Pasadena.

© Paul McCarthy. Courtesy the artist and Hauser & Wirth. Photo: Ryan Chin
© Paul McCarthy. Courtesy the artist and Hauser & Wirth. Photo: Ryan Chin

McCarthy spielt Max, einen alternden Hollywood-Produzenten, der von Faschismus und Kontrolle besessen ist. Lilith Stangenberg spielt eine junge Schauspielerin, die nach Los Angeles kommt, um für einen Film vorzusprechen, der von Max gedreht wird. Diese Handlung ist das Grundgerüst – der Ausgangspunkt, von dem in ein sadomasochistisches Reich der psychologischen Ausgrenzung eingedrungen wird.

Auch ich weiß manchmal nicht, was meine Werke bedeuten sollen. Aber genau dazu ist Kunst ja da. Es gibt sie einfach, und man muss damit klarkommen. – Paul McCarthy

Nach Abschluss der Dreharbeiten beschlossen McCarthy und Stangenberg, das Thema weiter zu vertiefen. Das Wiener Publikum wird heuer die seltene Gelegenheit haben, einer Performance von McCarthy in Form von öffentlichen Dreharbeiten beizuwohnen. Über vier Tage hinweg werden sowohl improvisierte als auch im Skript fixierte Aktionen eine geschlossene Erzählung bilden, wobei jeder Tag eine andere Episode darstellt.

NV / NIGHT VATER verstrickt in einen Prozess des Sammelns von Bildern, des Betrachtens und Diskutierens von Filmen, des Schreibens und Zeichnens in den Performances mit Lilith Stangenberg. Kunst also als Prozess eines ewigen Kreislaufes. Alle entstehenden Bilder scheinen als der einzige Zweck und einziges Ergebnis des Projekts, aber sie sind letztendlich nur Teil eines Puzzles, welches ein tiefer führendes Labyrinth durch die Aktion, die Aufführung, die Performance ist.

© Paul McCarthy. Courtesy the artist and Hauser & Wirth. Photo: Ryan Chin
© Paul McCarthy. Courtesy the artist and Hauser & Wirth. Photo: Ryan Chin

Paul McCarthy zählt zu den einflussreichsten und bedeutendsten Künstlern seiner Generation und ist für seine multidisziplinären Werke bekannt. Seine scharfe Sozialkritik und seine experimentellen Arbeiten seit Ende der 1960er Jahre haben Empörung, Proteste und Debatten ausgelöst. McCarthy fordert sowohl seine eigenen Grenzen, als auch die des Publikums heraus und lädt uns ein, das scheinbar Gewöhnliche mit neuen Augen zu sehen und zu entdecken, wie illusorisch und relativ unsere Vorstellung von Realität ist. In seiner Kunst geht es um das Scheitern – das Scheitern der Kommunikation, aus der Vergangenheit zu lernen, des Menschseins – und das ist wohl einer der Gründe, warum sein Werk einen solchen Bestand hatte und weiterhin haben wird.

NV / NIGHT VATER / VIENNA mit Paul McCarthy und Lilith Stangenberg kuratiert von Henning Nass

Premiere: 3. September 2022, ab 19:30 Uhr
Weitere Termine: 4. September, ab 18:00 Uhr / 6. + 7. September, ab 19:30 Uhr In englischer Sprache. Die Aufführungen sind für Besucher*innen unter 18 Jahren nicht zugänglich! Der Saal kann während der gesamten Dauer jederzeit verlassen und wieder betreten werden.

In Zusammenarbeit mit dem Deutschen SchauSpielHaus Hamburg: Hier zeigt Paul McCarthy (ebenfalls mit Lilith Stangenberg) von 24. bis 28. August 2022 die Performance A&E / ADOLF & EVA / ADAM & EVE / HAMBURG

Adresse und Kontakt:
Volkstheater Wien
Arthur-Schnitzler-Platz 1, 1070 Wien
www.volkstheater.at


Gegenwart sind wir alle. Wir sind das Volkstheater. Wir wollen ein Ort sein für Vielfalt und Schönheit, für Komik und Tragik, für Literatur und Grenzerfahrung, für Utopien und Pop. Ein Raum, der das Hier und Jetzt im Blick behält. Ein Ort für die Stadt und alle, die in ihr wohnen. Kurz: Ein Ort, an dem Kunst möglich werden soll. Im Herzen Wiens und ganz genauso in den äußeren Bezirken. Der Kern des Volkstheaters ist das Ensemble.

Seit 1889 versteht sich das Volkstheater als Bühne für Geschichten und Ausdrucksformen nicht-aristokratischer Herkunft. Die Geschichten auf der Bühne kommen und kamen aus der Mitte der Gesellschaft, haben immer wieder Theaterskandale ausgelöst, gegen verkrustete Strukturen gekämpft, Debatten losgetreten, das Publikum begeistert und konfrontiert. Wir wollen diese große, wichtige Tradition fortführen und weiterdenken. Eine komplexe Gegenwart benötigt mehr denn je Theater, das vor den Anforderungen an die Jetztzeit nicht ängstlich davon läuft – und stattdessen mutige, lustvolle, kluge Impulse setzt. Auch deshalb verstärken wir die Schnittstellen zwischen den Genres: Performances, Installationen, ausgewählte Live-Konzerte, Lesungen und Partys erweitern bei uns das klassische „Schaukastentheater“.

Das Volkstheater möchte ein unprätentiöser, offener und niedrigschwelliger Ort für alle sein. Es zeigt nicht vom Elfenbeinturm hinab, kreist nicht um sich selbst, hat nicht bereits alle Antworten parat. Wer stets schon weiß, wie das perfekte Theater auszusehen hat, ist nicht mehr offen für Neues – daher wollen wir in einer permanenten, inhaltlichen wie ästhetischen Suchbewegung sein. Mit ungewohnten Ästhetiken, neuartigen Erzählweisen, besonderen künstlerischen Handschriften, diskursiven Formaten. Das inhaltliche Programm und dessen Ästhetiken und Formen sind dabei so vielfältig wie die Menschen, die an diesem Haus gemeinsam arbeiten.

Denn Theater ist Teamsport – immer. Frech, laut, mutig und vor allem gemeinsam: ob nun Schauspieler*in, Bühnentechniker*in, Lightdesigner*in, Regieassistent*in, oder oder oder. Mit einem eingeschworenen, respektvoll und auf Augenhöhe miteinander arbeitenden Team sind wir auf der konstanten Suche nach mitreißenden und gedanklich scharfen Gegenwartsbeschreibungen.

Zukunft. Und nun liegt es an Ihnen, das Volkstheater gemeinsam mit uns und dem Ensemble zu entdecken. Erleben Sie mit uns aufregende und ungewöhnliche Theatermomente, bewusstseins- und verständniserweiternde Erlebnisse. Ob im Theatersaal, auf einer Party in der Roten Bar, ganz hautnah in unserer Dunkelkammer, in der Außenstelle im Volx oder in einer der 17 Bezirke-Spielstätten … Wie Sie uns erreichen, steht hier. Wenn Sie gleich ein Abo interessiert, dann bitte hier entlang. Unsere Social Media-Kanäle finden Sie hier, hier und hier. Unser Telegram-Ticker informiert Sie tagesaktuell und unkompliziert über unser Programm, zur Anmeldung hier entlang, bitte. Und kommen Sie mit uns ins Gespräch – ob beim Spritzer in der Roten Bar, in unserem neuen Kaffeehaus oder nach der Vorstellung beim Würstelstand mit Wieselburger. Wir freuen uns, Sie kennenzulernen und gemeinsam mit Ihnen die nächsten Kapitel in der langen Geschichte des Volkstheaters zu schreiben. Es gibt da dieses eine Zitat, vielleicht kennen Sie es: „Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.“ Es wird oft Gustav Mahler zugeschrieben, manchmal aber auch Konfuzius oder Benjamin Franklin. Vermutlich war’s keiner von ihnen und der wahre Ursprung ist ins Dunkel der Geschichte entschwunden. Sei’s drum. Führen wir die Tradition fort, geben wir gemeinsam das Feuer weiter. Volkstheater forever.